In Rijsbergen

In Rijsbergen

Wiltrud Weber

WILTRUD WEBER
Biographisches und Vorwort

Ich bin geboren am 29. März 1945 in Bad Windsheim/Mittelfranken. Wie bei so vielen anderen in dieser Zeit gegen Ende des Zweiten Weltkriegs, waren die Umstände während der Schwangerschaft, bei der Geburt und während der ersten Lebenszeit dramatisch. Meine Mutter stammte zwar aus Nürnberg, also auch aus Franken, aber sie war über einen riesigen, gefährlichen Umweg schließlich in das Dorf Marktbergel gelangt. Mein Vater, aus Tilsit (heute Sowjetsk) in Ostpreußen stammend, kam nach kurzer Kriegsgefangenschaft hierher. Wie mein Vater kein Nazi gewesen war, war er jetzt auch nicht einer von denen, die übermäßig die „Alte Heimat“ reklamierten.
Aber das Wort Flüchtling begleitete doch auch mein Leben in der Kindheit, ich erinnere mich an große Versammlungs-Zelte, wo auch mein Vater von Tisch zu Tisch ging, nicht zuletzt, um von anderen ostpreußischen Flüchtlingen zu hören, ob, wann und wo jemand seinen vermissten Bruder zuletzt gesehen hätte. Als Fremder wurde er noch lang diskriminiert, noch zehn Jahre später in Düsseldorf hieß es bei Auseinandersetzungen abfällig: Der kommt aus der „kalten Heimat“. Was es bedeutet, wenn man seinem Kind die Heimat nicht einmal in einem Urlaub zeigen kann, begriff ich erst viel später.
Das freie Leben auf dem Land, Herumlaufen auf dem Dorf, in die Häuser, zu den Leuten, schon als sehr kleines Kind, später lange Ausflüge über Wiesen und Felder, Spielen mit den Bauernkindern in Scheunen… haben mich mein Leben lang Sehnsucht behalten lassen nach „Natur“ und „Landleben“. Negative Aspekte habe ich übersehen oder vergessen.
Ich war immer leidenschaftlich das, was man „religiös“ nennt und bin es geblieben. Als kleines Mädchen betete ich manchmal heimlich auf dem Friedhof als einem stillen Ort, das „Auge Gottes“ an der Decke der lutherischen Dorfkirche hat mich sehr nachhaltig angerührt. Das kam nicht von den Eltern, die evangelisch waren, aber nicht sonderlich dezidiert oder kirchlich.
Als ich neun Jahre alt war, übersiedelten sie nach Düsseldorf, nach einem halben Jahr bei der Großmutter in Nürnberg und in der dortigen Schule folgte ich ihnen.
Mit fünfzehn wurde mir, eigentlich recht plötzlich und trotz bis dahin mäßiger Leistungen in dem Fach klar, dass ich „Frankreich“ und die französische Sprache will. Etwa um dieselbe Zeit, nach meiner Konfirmation, verstand ich schubweise, dass ich katholisch sein wollte. Ich hatte die katholische Kirche, die in Mittelfranken nach dem Krieg sehr weit weg und regelrecht exotisch erschien, wenn überhaupt je davon die Rede war, in Düsseldorf kennengelernt und liebte sie wegen Kult und Mysterium und beeindruckender intellektueller Ausgestaltung des Lehrgebäudes in Büchern, im Gegensatz zur allzu nüchternen rheinisch-reformierten Kirche, wo ich entgeistert ein Leben als brave Hausfrau vor mir sah, die nicht diskutiert und sich sonntags in einer bilderlosen Kirche eine Predigt anhört…
Mit siebzehn wurde ich katholisch, mit neunzehn, nach einigen Umwegen, begann ich, den Übersetzer zu machen und währenddessen nachts im Auslandsfernamt zu arbeiten, wo ich schon direkt nach der Schule, als mein Plan für die Zukunft noch nicht endgültig war, fast zwei Jahre ganztags angestellt war.
Übersetzerin 1966, ein Jahr Arbeit in der Champagne in einer Kreidefirma, Leben in dem Dorf nebenan, Freundschaft mit der Familie des Bürgermeisters, dem alten Curé und seiner Schwester und vielen anderen. Dolmetscherin 1967 nach einer Rückkehr nach Deutschland.
Idealistisch, wollte ich keinesfalls dauernd in Industrie oder Wirtschaft arbeiten, sondern etwas „richtig Gutes“ machen und habe mich in dieser Absicht sofort als Dolmetscherin selbständig gemacht. Noch in La Chaussée-sur-Marne hatte ich begonnen, französische Artikel für eine katholische Zeitschrift für studierende junge Erwachsene zu schreiben und kam über den Versuch, einen anderen Artikel aus diesem Heft für eine entsprechende deutsche Zeitschrift zu übersetzen, in Kontakt mit zuerst Veranstaltern von deutsch-französischen Priesterkursen, einer Art gemeinsamer Fortbildung in der Begegnung von deutschen und französischen Priestern in Deutschland und Frankreich in loser Folge, wo ich einige Jahre lang dolmetschte. Nach und nach eroberte ich mir meinen übrigen „Markt“ als Konferenzdolmetscherin in Deutschland, Frankreich und gelegentlich anderen europäischen Ländern für knapp zwanzig Jahre.

Nach sieben Jahren als Dolmetscherin hatte ich das Bedürfnis, neben der Arbeit noch einmal theoretisch etwas dazuzulernen. Ich schrieb mich ein an der Ecole Pratique des Hautes Etudes in Paris. Um näher beim Psychologie-Seminar von Meyerson zu sein, nahm ich 1973 ein Zimmer im Chateau der Jesuiten in Chantilly (ich kannte es von einem Dolmetsch-Auftrag), das zu der Zeit als „Centre culturel“ für Tagungen etc. fungierte, wo man aber auch zu Studienzwecken und um die berühmte Bibliothek zu nutzen, sich einmieten konnte.
Dort kam einige Tage nach mir, im März 1973, Francis Peter Kelly an, aus seiner Amtszeit als australischer Jesuitenprovinzial in ein Sabbatjahr. Unser intensives Gespräch begann quasi sofort, der Wunsch, zusammenzusein, intensivierte sich ebenfalls auf Reisen, in Frankreich, in Deutschland bei mir. Unser Sohn David wurde im November 1975 geboren. Der Schock über die Art und Weise, wie der Vater buchstäblich verschwand, war schlimm. Aber der ganze Hass der katholischen Kirche auf die Kinder noch weit mehr als auf die Frauen der katholischen Priester und Ordensleute, gar wenn sie zur Spitze eines Ordens wie der „Gesellschaft Jesu“ gehören, dieser Hass, den ich inzwischen aus vielen Berichten kenne, kam bei uns zunächst nicht an. Ich war glücklich über die Geburt meines Sohnes, meine Eltern über ihren Enkel, manche Bemerkung von katholischen Bekannten habe ich gar nicht wirklich verstanden, ich bin ja zum Glück nicht katholisch aufgewachsen. Ich habe noch Jahre auch in katholischen Konferenzen gedolmetscht, da ich Freiberuflerin und auch sehr geschätzt war in meinem Fach, kam es dort, für mich selbstverständlich, für alle Katholiken, die zu der Zeit oder später davon hörten, unverständlich, oder sogar „ nicht richtig“, nicht zu Konflikten, weil ich auch Mutter bin. Für mich war und ist es selbstverständlich, dass es ein Glück ist, (ein)Kind(er) zu haben, den konventionellen Rest habe ich nicht beachtet, wo ich es nicht unbedingt musste.

Schon seit 1974 hatte ich auch Japanerinnen in Deutsch unterrichtet. Das war eine sehr gute und schöne Zusammenarbeit, beinahe 10 Jahre lang. Zurück in Franken für einige Jahre, habe ich mich später in Nürnberg fast ganz auf’s Unterrichten verlegt. Es waren extrem heterogene Klassen von Erwachsenen aus aller Welt, von Papua-Neuguinea bis zur Türkei und extrem unterschiedliche Level und Vorkenntnisse: von der Inderin, die ihre eigene Sprache nicht schreiben konnte, bis zur graduierten Amerikanerin. Immer war das Zusammensein mit Schülern und Schülerinnen aus aller Welt sehr erfreulich für mich; meine Schüler liebten mich, wie ich zu scherzen pflegte, wahrscheinlich, weil ich von Hause aus eigentlich nicht Lehrerin bin.

Während dieser Zeit intensivierte sich der Kontakt mit Davids Vater, nach mysteriösen Nachrichten und sporadischem Kontakt in den ersten Jahren, und langsam und mit Schrecken habe ich (und mein Sohn, der jetzt schwere Schocks mitmachte) erst jetzt richtig erlebt, auf welche widerwärtige und betrügerische Weise Peter Kelly beiseite geschafft worden war. Die extremen Belastungen aus unseren Versuchen, nun zusammen etwas zu tun, mit ihren regelrecht ferngesteuerten Katastrophen, ließen mich einen Ort suchen, wo ich – und mein Sohn, wenn er es wollte – etwas Abstand gewinnen könnten. Durch eine Annonce kam ich zufällig zu einem uralten Haus in einem einsamen Weiler auf einem Berg unterhalb von Carcassonne, in eine der raren Gegenden in Frankreich, die ich nicht einmal vom Hörensagen kannte. Hier war es, an seinem Auto, auf dem stockdunklen kleinen Dorfplatz am Abend, wo der Spiegel-Redakteur, der mich wegen unserer Geschichte besucht hat, sagte: “Warum sind Sie gerade hierher gekommen? Hier nämlich führt ein roter Faden aus der Vergangenheit direkt zu Ihrer Geschichte“. Ich aber hatte bis kurz vor seinem Besuch, als Nachbarn darüber erste Andeutungen machten (außer mir gab es hier zwei alte und drei uralte Dorfbewohner) nicht einmal eine Ahnung gehabt von dem, was dort seit tausend Jahren verhandelt wird.
Die wachsende Erkenntnis, was in unserer Familie eigentlich geschehen war, führte auch zu wachsendem Konflikt mit dem Jesuitenorden und durch die Eingriffe und Mechanismen, mit denen die katholische Kirche persönliches integres Verhalten „bestraft“, wobei der Staat, absichtlich oft ohne genau hinzusehen, ihr durchaus Hilfestellung leisten kann, zu einer regelrechten Verfolgung. Sie brachte uns schließlich auch ins Asyl nach Rijsbergen in den Niederlanden. Der winzige Ort gehört zu Groot-Zundert, wo Vincent van Gogh geboren ist.

Dass Deutsche in einem anderen europäischen Land in die Asylprozedur aufgenommen werden, ist natürlich höchst ungewöhnlich. Die Umstände erschienen uns zu dem Zeitpunkt so, dass ein „offizieller“ Eintritt nach Holland mit einer Bestandsaufnahme und gleichzeitig eine Atempause notwendig waren. Das ist auch von den Verantwortlichen, die unsere Anfrage erst einmal ohne große Umstände akzeptiert haben, verstanden worden.

Es ist bei aller Überraschung letztlich durchaus logisch, dass eine solche Familiengeschichte ins Asyl führen kann. Führt doch die katholische Kirche gegenüber den Kindern ihrer Priester und Ordensleute eine Politik der Verfolgung wie ein Menschenrechte verletzender anderer Staat , hier in den Staaten Deutschland und Australien.

Die Schwerpunkte und Themen meines/unseres Lebens, u.a. Internationalität, Religion, Jesuiten, tauchen im Essay auf, Realität der Asylbewerbung wird beschrieben, dabei die Freundschaft und Solidarität mit den anderen Asylanten. Vincent van Gogh, dessen holländischen Weg wir in Schwerpunkten dabei nachvollziehen, natürlich ohne es vorher und noch währenddessen, zu ahnen, steht dabei auch als herausragender Name europäischer Kultur, der in aller Welt leuchtet, während die gequälten Menschen aus aller Welt zu seinem Geburtsort kommen.

Übersetzungen auftauchender Sprachen befinden sich als Anmerkungen am Ende. Im Text selbst geben Zitate im Original wenigstens einen gewissen Eindruck davon, wie der Ankömmling sich auf einmal, dann aber ständig, in verschiedenen Sprachen bewegt. Die plötzliche Bedeutung der Landessprache wird widergespiegelt.

Es hat sich die unmenschliche und auch gegen den Anschein unqualifizierte scheinbare Selbstverständlichkeit herauskristallisiert, dass von massivem Unrecht Betroffene, das gilt nicht nur für Asylanten, kaum je für sich selber sprechen dürfen. Wohlbestallte Leute müssen das angeblich professionell für sie tun, womit immer auch eine Verformung einhergeht und unterschwellig häufig das ekelhafte und tödliche Vorurteil transportiert wird, dass Menschen, die in solche Lagen kommen, immer schon damit gezeigt hätten, dass sie ein wenig zu dumm sind für die normale Weltgesellschaft, nicht schlau wie z. B. gewisse Journalisten, oder Sozialpädagogen, die, anstatt sich verfolgen zu lassen, über Verfolgte schreiben oder „mit ihnen arbeiten“.
Unsere Asylgeschichte hat, im Nachhinein betrachtet, auch die einzigartige Gelegenheit gegeben, wirklich mit allen anderen erlebt zu haben, was das heißt, sich um Asyl zu bewerben, und doch, zum Teil, weil wir trotz allem Europäer sind wie das aufnehmende Land, einen schmalen, offenen Spalt vorzufinden, in dem wir mit den und dabei auch für die anderen sprechen können.

Die ersten Fassungen des vorliegenden Essays habe ich im Jahr 2001 nachts von Hand geschrieben in Utrecht, in einem auf dem dortigen Campingareal gemieteten Ferienhäuschen, während mein Sohn David die ungefähr schwerstmögliche Arbeit in einer Brotfabrik gemacht hat. Es entsprach gut dem Kirchengesetz von 1022 über die Priesterkinder: Sklaven sollten sie sein, zweifellos besonders jene unter ihnen, die zur akademischen Arbeit befähigt sind. Tagsüber habe ich die Arbeiten zum Text in der Universitätsbibliothek gemacht. Einer der Bibliothekare, den ich dort kennen lernte, hat mir erlaubt, den Text im Büro der Bibliothekare in den Computer zu geben. Er hat mir dabei geholfen und war auch sonst während unserer gesamten Zeit in Utrecht sehr hilfreich.

In Rijsbergen

 

“de herinnering aan vroeger kwam bij mij op, o.a. hoe dikwijls hebben
wij so in de laatste dagen van februari met pa gewandeld naar RIJSBERGEN
enz. En de leeuwerik gehoord boven de zwarte akkers met het jonge, groene
koren, de tinkelende, blauwe lucht met witte wolken erboven – en de steenweg met de beukenboomen
o Jerusalem, Jerusalem! Of liever: o Zundert, o Zundert!” 1

(Brief 85 von Vincent van Gogh an seinen Bruder Theo)

 

Ich sehe noch den “Sämann”, mehr aber noch die “Boote“ auf See und am Strand in Klassen zimmern und öden Schulkorridoren in Deutschland:eigentlich immer in schäbigen Farben,nicht vital, wie Vincent selbst sie erlebte und malte, sondern nur mit dem Kopf gewusst und benannt: das soll grün sein, jener Streifen gelblich etc.

Mein Leben musste dramatisch werden, um immer mehr van Goghs in die Wohnung, in die Schlafzimmer zu holen. Die STERNENNACHT , die mit der Himmelsspirale und dem Kirchturm, in ihrem wunderschönen, nächtlichen Blau nach Davids Geburt, über meinem Bett. Das Glück der Geburt bekam eine dramatische Färbung durch das mysteriöse Verschwinden von Davids Vater, einem leitenden, australischen Jesuiten.

Im Buch “Vincent’s religion” des Jesuiten Meissner spannt sich unerwartet auch Vincents Sternennacht über dem Dach der Jesuitenzentrale in Rom aus. In diesem Buch lernt Vincent van Gogh – der das etablierte Christentum en connaissance de cause von Grund auf hasste, Gott aber liebte – posthum, dass “Gott” psychoanalytisch ein winnicottsches Übergangsobjekt darstellt, Ignatius hingegen ein reifes, reales Objekt das foreverandever auf der römischen Dachterrasse sitzt und in eigentlich seine, Vincents, Sternennacht hinaufblickt, während ihm die Tränen herunterlaufen, während ich, die Himmelsspirale über meinem Bett, ein Gedicht mache: tränenüberströmt: Gesicht meines Kindes / und des Mannes / mit dem Visier.

Das alte Wort Trost hat nichts Sentimentales, es ist kein billiger Trost. Den Trost, der vom Gefunkel der Sterne im nächtlichen Blau ausgeht, fühle ich auch, wenn ich im Bett liege, das Bild so nicht sehe, sondern nur weiß, dass es da ist, über meinem Kopf.

Der Versuch, 15 Jahre später, jene jesuitische Missetat aufzuklären und zu korrigieren, reißt unser Leben von dramatisch in tragisch-gefährlich. Bei einer der tragischen Zuspitzungen trifft meine Mutter der Schlag, als der Enkel, verzweifelt aus dem Australien des Vaters kommend, bei ihr Station macht Sie kann fast nicht mehr sprechen, aber sie gibt zu verstehen, dass sie einverstanden ist, dass sie sich freut, wie ich das Bild
das sie schon immer liebte, in einer schönen, farbigen Reproduktion so ans Bett hänge, dass sie es sehen kann: die Brücke von Langlois, für uns immer nur „ die Brücke“. Und nun wissen wir, dass sie schon schlagartig jene andere Brücke betreten hat. Nach ihrem Tod akzeleriert und eskaliert unsere Geschichte immer irrer: Verfolgung, die uns schliesslich zu Beginn des Jahres 2000 nach Rijsbergen bringt, das zu Zundert gehört: Vincent van Goghs Geburtsort.

Diese Mutter dort, die aussieht, wie von den (süd)östlichen Anrainern Europas, ihren vielleicht Fünfjährigen an der Hand, jene zwei Gelben… dieser Afrikaner, der nur einen Zettel mit der Adresse in den Händen hält und die nette Frau vom einzeln stehenden Haus nicht weit davon vorsichtshalber noch einmal fragt, wo… suchen, was in der Beschreibung von van Goghs letzten Jahren so häufig zu lesen ist, am Ort seiner ersten Jahre: Asyl. Wie sie, wie die meisten, habe ich nicht die geringste Ahnung, ich denke alles, bloß nicht: van Gogh, als der Leiter des Asylcenters (O.C.) Oosterwijk sagt: ”Da musst du nach Rijsbergen gehen”, (was nicht das deutsche, vertrauliche du ist, wie ich später lerne, sondern eine Adaptation des holländischen “U” ( Sie) , die Niederländer zuweilen herstellen, wenn sie spontan mit Deutschen deutsch sprechen.

Nach einigem Umherirren waren wir am 21. Januar 2ooo an der Rezeption des O.C. Oosterwijk angekommen. “Wenn alles schlecht geht”, hatte ein deutscher Sympathisant, dann Freund während unseres langen Protests vor dem Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe gesagt, ” hier vorsichtshalber die Adresse von Oosterwijk.“ Als er dort, schon
etliche Jahre geleden – Hilfe suchte, konnte man noch, wenn an Ort und Stelle akzeptiert, direkt zur maximal dreimonatigen Prüfung des Falls in dem Asylbewerber-Center bleiben. Obgleich er damals nach drei Monaten gehen musste, war er voll des Lobes: für die coole, demokratische Gesinnung im O.C., für die Humanität und Toleranz der Holländer.

Wir mussten wegrennen von Karlsruhe nach… Frankreich. Die Konservatorin der Bibliothek in Carcassonne sagte es so: “Vous devriez vous faire oublier par… la religion…” 2 – aber ich habe dort die theoretischen Arbeiten für ein Land-Art-Projekt gemacht, ein größeres Projekt mit historisch-religiöser Thematik in einer Gegend, in deren Geschichte etliche brisante, historische Ur-Fragen des Christentums verdreht, versteckt, verdunkelt worden sind, damit es so bis zu uns transportiert werden konnte, wie wir es kennen. Welche Kombination aus Intrige und Pech, in der auch der Bischof von Carcassonne vorkommt, hat gemacht, dass wir weg mussten unter Umständen, die Böll für die Odysseen der D.P.s (displaced persons) am Ende des zweiten Weltkriegs beschrieb. Und hätte nicht, geradezu biblisch, einer, der Soldat in der Fremdelegion gewesen war, uns beigestanden, wir hätten gar nicht mehr die Kraft gehabt, wegzukommen.

Es ist schon nach 10 Uhr abends, als uns ein Auto an der richtigen Stelle abliefert. Zwei Herren, die wir nach dem Weg gefragt haben, setzten kurzentschlossen ihre Frauen aus dem Auto (!), um uns schnell dorthin fahren zu können…

“Whom do you want to visit?! We are closed!” “Wir wollen niemanden besuchen, wir fragen um Asyl….. wir sind Deutsche.” Sie holen den Chef. Zum Glück ist es der von damals beim Freund. Der sagt den Satz: “Da musst du nach Rijsbergen…”, denn das ist jetzt das Règlement. Ich kann mich nicht mehr aufrecht halten. „Ich kann heute nirgends mehr hingehen“, sage ich. Sie sind übervoll, aber sie finden zwei Notbetten in einem Abstellraum.

Einer der Mitarbeiter sucht liebevoll in der längst geschlossenen Küche zusammen, wovon er meint, dass es uns gut tut: etwas Substantielles, etwas Frisches, Milch und das Elixier, das in Holland immer und überall dabei ist: Kaffee David, der auf Anhieb besser Holländisch versteht, hört noch, wie dieser Engel zu seinem Kollegen sagt: “Der Vater von dem war ein hoher Jesuit. Da kannst du dir vorstellen…”
Schlaf, wie
ein Stein… –

– als ein ganz anderer, erschreckender Ton losbricht. Mit lautem Pochen wird die Tür aufgerissen: ”Jetzt ist es genug mit dem Schlafen! You must go to Rijsbergen!”
Barsch ist gar kein Ausdruck, eine Uniform habe ich gestern Abend nicht gesehen, wer ist der?
“Stehen sie auf!”, als ich noch nicht richtig bei mir bin. Der hat Angst, dass wir illegal in diesem Abstellraum bleiben.

Die Engel sind verschwunden.
Nach Rijsbergen!

 

“Van Breda ging hij lopend naar Zundert, dat was een wandeling van drie uur.”

Aus: Jan Meyers:
De jonge Vincent

 

Wir nicht; für uns nicht. Wir waren noch nicht ganz aus Breda herausgelaufen, als wir einen Moment unsicher wurden. Wir fragten ein Ehepaar auf dem Sonntagsspaziergang: Is this the right direction to Rijsbergen? Sie zeigten in die Richtung: ”Aber das ist sehr weit…” “Macht nichts,” sagten wir, “wir gehen eben, bis wir da sind.”
Wir befolgten wörtlich “nach Rijsbergen gehen , denn, was im Zug ging, wo man uns als Asyl- Suchende umsonst mitnahm (o holländische Züge, o Schaffner! Ihr habt mir einigen Glauben an die Menschheit wiedergegeben!) war für den Bus, von Breda aus, nicht möglich. Nach ein paar hundert Metern stoppt ein Auto neben uns: “Wir fahren Sie hin!” Die Sonntagsspaziergänger waren umgekehrt und hatten ihren Wagen herausgeholt. Unglaublich freundliche Niederländer, wie wir etliche trafen, die (noch) nicht gehört zu haben schienen, dass die Niederländer jetzt unfreundlich sein wollen, (fast) wie die großen Länder, um ihren humanen Ruf als letzte Rettung für die Gequälten der Erde endlich loszuwerden. Wir glaubten, wenigstens eine kurze Thematisierung schuldig zu sein: “Sie wundern sich sicher, dass wir als Deutsche…” “Vielleicht kommt Kohl ja auch bald!” sagten sie bloß und lachten und fuhren uns durch dieses weite, flache, ich hatte vorher nicht gewusst, wie schöne brabantische Land bis an den Schlagbaum am Ende einer kurzen Abzweigung mit dem Hinweisschild INTAKE-CENTER.

Ausgestiegen, zwischen den Äckern, im Wind, in der Kälte des Wintertages, an der Klingel stehend, herrscht dort, wie van Gogh über seine Heimat sagt:

“een groote stilte”

Natürlich verblüfft über uns zwei Deutsche holten die ersten A.C. Leute nach ein, zwei kurzen Statements von uns, schon drinnen in einem Vorraum, zwei vom Justizministerium, die mehr zu sagen haben, und die uns nach ein paar Sätzen, (es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich woanders, wo nicht die deutsche Zensur in Staat und Medien über Kirche und die Kinder von deren Elite herrscht, dieses, wenn überhaupt, ewige breiige, obszöne Gerede, erst einmal vorstellen kann, was da alles passieren kann) fürs Wartezelt annahmen für die maximal möglichen drei Wochen bis zur harten Rückkehr in das wahre Rijsbergen in den anderen Gebäuden über dem Hof, für die Prozedur. Die zwei kennen ja die Verhältnisse bei der Asylbewerbung, aber, mögen sie denken, wie werden diese zwei Deutschen das aufnehmen? “Es ist ein Camp,” sagen sie nachdenklich zu mir, “es sind Zelte, wo Sie darauf warten, hierher zurückzukehren.”
Obgleich mein Sohn ja halber Australier ist, obgleich diese zwei nicht nur mich, was keine Kunst ist, sondern auch David um deutlich mehr als Haupteslänge überragen, obgleich unsere Kleidung, sehr höflich umschrieben, von der der zwei Beamten maximal differiert, man würde uns bald als “in Lumpen” bezeichnen können, sind diese zwei Niederländer und wir uns so überraschend ähnlich auf dem Hintergrund der Menschen hier von überall her.Wir sind eine hier exotische Vierergruppe nördlicher Menschen: Dieselbe Art, Seriosität zu signalisieren, zurückhaltend und doch nachdrücklich sich zu geben.
Auf dem Polizeipapier, das man uns aushändigt, steht, dass dessen Inhaber am 13. Februar, erneut in Rijsbergen, einen Asylantrag stellen können. Bis dahin sind wir eigentlich nichts. Holland bietet aber Essen an, Schlafen, im Notfall Arzt.
Ein paar Wochen später, in Amsterdam, wird Mamadou sagen, dass er schon an diesem ersten Nachmittag in Rijsbergen im Warteraum für Neuankömmlinge mit uns war, er weiß, wie ich das Informationsvideo lauter und auf Französisch gestellt habe.
Auch der fünfzehnjährige “Quoi” 3 war schon da mit uns, über den wir im Wartezelt in Elst lachen würden… “Je m’intéresse trop au football, quoi.” 4 über den holländischen Spieler Kl[ö]v[ää]rt…!: “ca c’est un impoli…!” 5 Über den von mir in Elst so getauften “Gottesmann” aus Zaire, der mir dort, als ich ihn eigentlich noch gar nicht richtig in den Blick bekommen habe, Mut zusprechen wird beim Essen- fassen, und der regelmässig Afrikaner um sich schart zu Gebet und Bibellesung, wird der Fußballer sagen: “c’est celui qui fait la prière, quoi.” 6Sein Urteil, summa summarum, über das Leben im Wartezelt in Elst, das manche schon als gefängnisartig bezeichnen, weil wir Rijsbergen II noch nicht kennen (o Henk! Was war das noch für ein Paradies bei Ihnen!!) wird sein: “Je suis contre, quoi.” 7
Zusammen mit u.a. einem muffeligen Aserbeidschaner, der in Elst 3 Wochen muffelig bleiben wird, besteigen wir am Abend des ersten Rijsbergen, nun wieder vor dem Schlagbaum, den Bus und fahren durch diese dunklen, unbekannten Lage Landen … und fahren und fahren. Nach zwei Stunden lächelt Mamadou mir schüchtern zu, auch er hat nach der dritten Kehrtwendung gemerkt, dass der Chauffeur sich verfahren hat.
Mein halbes Leben lang habe ich jedes Jahr ein, zwei, drei grosse Konferenzen über Flüchtlingsfragen gedolmetscht (eine davon in Holland) und doch erschien beim Wort “camp” vor meinem inneren Auge ein Zeltlager aus lauter kleinen Zelten. Also nie richtig die Beschreibungen realisiert: es sind grosse Zelte, für Hunderte von Personen, für 4oo im provisorisch in Elst hochgezogenen Camp, mit ihren Kojen, ihren Esssälen, ihren Waschräumen und dem riesigen Heizungsgebläse unter der Decke… wo wir Ankommenden eingewiesen werden: Kasimov, Aserbeidschan, Mamadou Tiam, Guinea, Weber, Duitsland… und die anderen…

 

In Elst

….das eiserne Tor, der hohe Maschendrahtzaun, Stacheldraht oben. Der Container, innen, direkt neben dem Eingang: Wachtposten? konnten sehr wohl das Bild eines bewachten Internierungslagers heraufrufen. Tatsächlich bin ich in der ersten Woche im Warte-Camp in Elst nicht darauf gekommen dass man raus gehen kann: man musste nur am Ausgang sein Polizeipapier vorlegen, sich eintragen lassen, ebenso bei der Rückkehr.

Wandelen hätte ich können im grossen Naturschutzgebiet direkt daneben in Richtung Rhenen oder in den klenen Arealen neben der Strasse nach Venendaal, dabei mir von allen Seiten ein Bild machen von der fast riesigen Ausdehnung des umzäunten Gebiets, hätte die übergrossen Warnschilder auf den Zäunen, an allen Seiten, sehen können, die mit dem Kopf eines Schäferhundes drohen: Gevaarlijk – nein, nein, nicht die Asylanten, hoffentlich hat das kein Ausflügler aus der Stadt Utrecht gedacht, die Elster selbst wussten ja wohl, dass das Schild immer da war, vor, während und inzwischen auch: nach.

Wandelend hätte ich besser die sinistren, die tristen zahlreichen Häuser auf dem Gelände gesehen, ich hätte mich vielleicht dezidierter als drinnen gefragt, was eigentlich drin ist in diesen Gebäuden. Okay, es sind Magazine in einem Militärlager, aber wofür? Nur ein niedriger, länglicher Schuppen beherbergt etwas von uns : Recreatie und Second-Hand-Shop vom Flüchtlingswerk. Im übrigen steht, was zu uns, wozu wir gehören: funktionale Bürocontainer, Rezeption, Direktor, Flüchtlingswerk, Facilities, Arzt u.Krankenschwestern, weiss und ephémer, wie auf einer Lichtung, wie auch die Zelte -extra umzäunt, zugänglich nur über die Strasse vom Eingang zum Ausgang – “Back to Germany?” spottet einer von zwei Palästinensern, als ich mit meinem Sohn dort gehe. “We are going to Israel”, gibt mein Sohn zurück Da muss der andere, im übrigen einer der sehr wenigen, die anderen nehmen es einfach hin, der sich nicht mehr eingekriegt hatte, dass wir, als rechtmäßige Inhaber des begehrten deutschen Passes in Holland Asyl suchen, wider Willen denn doch ein bisschen lachen. Aber draußen wandele ich noch lange nicht. Meine Welt ist das Zelt.

Meine Welt ist die Koje aus Sperrholz, mit ihren vier Betten (2 x 2), mit den Wegwerflaken, für die ich dankbar bin: zuletzt benutze ich sie als Badetuch. Mögen es in Ermelo Modderzelte gewesen sein (Groener Amsterdamer), ich werde dort beim Ausflug zur TB-Untersuchung eine Art Vorhänge vor Kojen sehen, die haben wir hier nicht. Der Eingang ist offen. Jederzeit kann nicht nur die winzige Ay in ihrem Mongolenwestchen hereintrippeln, deren Gesichtlein ich im Stress von Rijsbergen II entgleisen sehen würde, jederzeit kann ein Security binnen stehen, bei der Morgen-, der Abendpatrouille, zuweilen machen sie auch zwischendurch einen Rundgang zur allgemeinen Disziplinierung Try not to make a mess .
Aber es ist wahr, dass ich mich fast geborgen fühle in diesem Bett, wahrend in meinem
Zeltabschnitt für Familien und Frauen eine Frauenstimme, die ihr Töchterchen beruhigen will, bis tief in die Nacht intoniert: Sa – rah! Saa-raah! Saaa-raaah!
Wenn es ein Mädchen wird, hatte ich mir seinerzeit vorgenommen, soll es Esther oder Sarah heissen, gegen Ende der Schwangerschaft gewann Sarah ein wenig die Oberhand, ich besprach es brieflich mit dem Vater am anderen Ende der Welt, der wunderte sich ein wenig über meinen Hang zum Alten Testament, aber er war auch mit David für einen Sohn einverstanden , für diesen Sohn, der, nun erwachsen, seit Jahren entsetzlich teuer den Kontakt mit seinem“ verbotenen“ Vater, den verbotenen Kontakt, bezahlt: jetzt in einem Asylantenzelt in Elst, mitten in einem holländischen Militärlager.

Der Rhytmus im Zelt wird klar von den Mahlzeiten bestimmt, schon vor 8 kommen viele Männer aus dem vorderen, viele Frauen, Kinder und andere Männer aus dem hinteren Zelt in die Mitte, an den Waschräumen vorbei, wo sich schon welche beeilen, in den Esssaal. Wenn Schlag 8.30 die drei oder fünf vom Küchenpersonal hinter den Tresen treten, hat sich schon eine lange Schlange gebildet, die vor dem Tresen defiliert mit dem Tablett und unbedingt mit dem, was ich Esspapier nenne. Es hat Kästchen, für jede Mahlzeit eins ( bis zu den maximal möglichen drei Wochen), zuerst wird abgestempelt, dann Essen gefasst: die Minidöschen Margarine, Marmelade, zwei dünne Scheiben Käse in der Klarsichtpackung mit dem geheimnisvollen Aufdruck belegen, 4 kleine Scheiben Vollkornbrot, ein Becher Milch und für den Tag sechs Chips für den Kaffee-, Tee- Kakaoautomaten. “Tu peux toujours m’en demander,” sagt Usman zu David: “Ich hatte zuletzt in Mauretanien dermaßen wenig zu trinken, dass mir jetzt ein paar Schluck dreckiges Pfützenwasser genügen würden”. Ër könnte den gegenteiligen Schluss ziehen, dass er jetzt mehr Chips braucht, aber er begnügt sich mit dem Leitungswasser aus dem Waschraum und gibt Chips ab.

Das Leben im Zelt sind die anderen. Wer nichts mehr hat, hat aber Würde: niemand beschwert sich über die endlose Sa – rah ! Intonation, viele fragen: How are you? Thank you, fine. Bon appétit. Die Tür wird aufgehalten. Bitte nach Ihnen. Niemand überschwemmt andere sofort mit dem Schrecklichen, das er/sie hinter sich hat – das kommt erst, wenn man sich länger kennt.
Man sucht Anknüpfungspunkte für ein Gespräch: “Wir sind auch Arier”, schlägt eine Kurdin eine Brücke zu mir. Es ist nicht so leicht für mich, ihr auf Englisch klarzumachen, dass ich für die Brücke dankbar bin, aber dass das Wort “arisch” für Deutsche immer noch zwiespältig klingen kann. “Ich war zehn beim Spiel Marokko – Deutschland bei der WM 86 und durfte es nicht sehen, weil es bei uns mitten in der Nacht kam”, sagt mein Sohn. “Ïch habe es in der Schäferhütte im Transistor gehört, damals noch mit meinem Vater,” erinnert sich Usman.
“Wir können Deutsch zusammen sprechen”, schlägt die Vietnamesin vor, als wir beide beim Wäscheaufhängen ins Gespräch kommen, “ich habe in Ost-Berlin studiert.” Sie war noch nicht dort, als ich im Tränenbunker, Friedrichstrasse, um Mitternacht, bei Ablauf meines Tagesvisums Ost, immer angstvoller darauf warte, dass mein Pass aus der Rohrpost zurückkommt, ich aufgerufen werde, passieren kann, zurück nach West – und stattdessen lang nach Mitternacht allein immer noch dastehe, alle um mich herum konnten gehen. Der aus dem Hintergrund mit meinem Pass in der Hand auftaucht, hat mehr Abzeichen an der Uniform. Er geleitet mich in ein fensterloses Kabuff, wo ein weißer Kittel neben einem Waschbecken hängt! Wo ich auf einen Hocker, also ohne Lehne, zu sitzen komme, wo er mich befragt. Warum fehlt ein bestimmtes, drittes Zeichen auf meinem Passierschein von morgens, beim Eintritt in die Hauptstadt der DDR? Keine Ahnung, nicht ich bringe ja die Zeichen an, sondern seine Grenzbehörden.
Wir sprechen sehr lang. Die ganze Zeit denke ich, dass sie mich im Prinzip schon in der Hand hatten, als sie mich bis lang nach Mitternacht warten ließen, damit habe im Zweifelsfall ich die Geltungsfrist meines Tagesvisums überschritten. Wo ich war? Die ganze Zeit denke ich, wenn sie mir nun von früh an einen nachgeschickt haben, die Kennzeichnung auf meinem Eintrittspapier spricht eher dafür, aber ich entschließe mich, es darauf ankommen zu lassen: ich sage nicht, dass ich als Dolmetscherin, wie einige aus meiner katholischen, deutsch-französischen Tagung in West, auf Empfehlung des Tagungsleiters das elende Krankenhaus am Rand der Stadt besucht habe, wo vorwiegend Alte, Verwirrte, Unheilbare zum Gotterbarmen liegen. Das ist nicht verboten, aber wer weiß , welche Konsequenzen es aufruft für mich oder andere: dieses Gesicht will die (Hauptstadt der) DDR bestimmt nicht zeigen, schon gar nicht international.
Zum Glück kenne ich Ost-Berlin schon von anderen Besuchen und erzähle also als “Touristin” vom Wandeln unter den Linden, vom Operncafé. Er stellt natürlich Fangfragen, auch immer wieder sehr plötzlich die Frage, wo ich wohne. Das lässt mich an meine Eltern denken und stärkt mich sekundenlang. Tief in der Nacht kann ich gehen.

Unsere frappierende Gemeinsamkeit entdecken die Vietnamesin und ich erst in Rijsbergen: Wir sind beide buchstäblich unter amerikanischen Bomben geboren: ich in Bad Windsheim, Mittelfranken, gegen Weltkriegsende, sie in Ho-Chi-Minh-Stadt. Aus einem ganz anderen Grund als den anfliegenden Bombern hat die Hebamme meine Mutter beim Gebären zur Eile angetrieben in jener Gründonnerstagnacht: “Geschwind! Geschwind! damit’s kein Karfreitags-Kind wird!” Es war noch nicht Karfreitag, als meine Mutter mit mir, soeben geboren, in den Keller rannte. Bei ihr, in Vietnam, war es mitten in der Geburt, als die Bombardierung (wieder) einsetzte.

Der Stil, den die Regierung gegenüber dem Asylanten will, womit sie ihm d’emblée seinen Platz zeigt zwischen Asylbetrüger und Gast, in Elst, von der Mitte einer Skala aus gesehen, selten ein Strichelchen mehr hin zu Gast, in Rijsbergen II deutlich in Richtung (potentieller) Asylbetrüger, wird verkörpert vom Corps der „Veiligheid“, den Security . Die Security, in ihren ja eigentlich Phantasieuniformen, sind das Vremdelingenbeleid, nicht auf der hohen Ebene, wo es erdacht, nicht auf der Ebene, wo und wie Herr Cohen damals seine Durchführung befestigt hat, nicht einmal auf der Ebene einer hoheitlichen Polizei im demokratischen Rechtsstaat, sondern sehr terre à terre, wie es im Zelt von früh bis spät begegnet, rezipiert und in der Praxis ausgeführt von oft recht schlichten Gemütern, auch schon mal von solchen, die die Sau rauslassen wollen, weil man das bei den Flüchtlingen kann, die um jeden Preis bleiben wollen und sich deshalb alles gefallen lassen müssen.

Einmal ist ein Teil-Zaun entlang der Strasse zur Freiheit weit geöffnet. Gelegenheit, mal woanders hin zu spazieren, denke ich, wo sonst zu ist.
“Zurück” schreit der “Weiner” (mit der ewig weinerlichen Stimme, wie eine bestimmte Sorte unangenehmer Norddeutscher): “Verbodden toegang!” Der Weiner steht tief im verbotenen Land, wir haben erst einige Schritte in die Richtung gemacht. “Okay! – We go back!” Wir kehren um. Aber jetzt lässt er uns nicht mehr so einfach, er ruft uns wieder: “Where is your Politie-Dokument? Das kommt auf Ihr Polizeipapier! Dafür kriegen Sie Schwierigkeiten mit dem Asyl!” “Aber wir sind doch sofort umgekehrt, als Sie…”Später wird auf der Rückseite des Dokuments
stehen: “…wollen diskutieren… babbele excuses… auf verbotenem Terrain…” Ein Ehrenamtlicher des Flüchtlingswerks, der das liest, denn auch die im Second- Hand- Shop erhaltenen Kleidungsstücke werden auf der Rückseite des Polizeipapiers notiert, schreibt darunter:
“Deze mensen…wollten nur spazierengehen… s.v.p. negenen .”

Noch später wird das Papier in einem Regenguss total zerweicht. Ich bekomme eine schlichte Photokopie aus einem Ordner in der Rezeption, die ich, so wie sie ist, ohne Beglaubigung, ohne die Vermerke auf der Rückseite, die natürlich niemand überträgt, überall problemlos statt des Originals vorzeige, auch bei der Rückkehr nach Rijsbergen, wo es sehr offiziell zur Sache geht, und noch lange danach, in Amsterdam, in Utrecht… Das ist das Liebenswürdige an den Holländern.

Der Weiner schleppt uns zum Direktor. Das schnörkellose Kurzgespräch mit ihm verläuft so, dass der Weiner sich in Zukunft etwas zurückhält. Und es verschafft uns einigen Respekt vom Direktor für den Rest der drei Wochen.

Vorne, neben dem Kopf der Schlange vor der Essensausgabe, steht immer ein Security. Einer klappt nach jedem, der nachgerückt ist, vor dem Nächsten seinen Arm herunter, wie eine Barriere. Er verweist ihn in seine Schranken, grundlos, denn normalerweise stößt und schiebt niemand exzessiv. Die Wartezeit ist ein Drittel länger dadurch, dass man nicht flüssig durchgehen kann. Schlimmer aber ist die Demütigung, natürlich versteht jeder, dass der sich mit dieser Maßnahme bloß aufspielt, aber man kann nichts machen.

Einmal bin ich weit hinten in der Schlange, als irgendetwas stockt, irgendwas nicht stimmt. Vorn steht mein Sohn, eine gewisse stille Arroganz in der Haltung, der Security streng redend. Ich empfinde undeutlich dasselbe, wie der nette Zigeuner aus Kroatien, der hier via Zeitarbeitsfirma mit Essen austeilt, der sagt es mir später so: “Ich dachte, wenn Ihr Sohn dem jetzt eine haut, ist er fertig.” David war, mehr aus Zerstreutheit, durch, bevor die Armschranke niederging. Der Veilige hatte ihm “zur Strafe” befohlen, sich wieder ganz hinten anzustellen. Das war dem denn doch zu viel der Demütigung, er tat es nicht und blieb ruhig stehen. Ich gehe vorsichtshalber hin. “What happens?” “Go away,” sagt der Security kurz. Mir lief die Galle über. “Ich bleibe.” Und: “Hören Sie endlich auf damit! Sie wollen eine Bousculade beim Abstempeln verhindern (Na ja). Aber das muss nicht s o sein. Das macht das Warten und die ganze Mahlzeit eine Stunde länger (Na ja, so lang nicht, aber im Prinzip stimmt’s ). Niemand von Ihren Kollegen…” etc. Unter erstauntem, dann gespanntem Schweigen, dann hie und da einem diskreten Schmunzeln in der Schlange geht es eine Weile erregt hin und her. Der ältere VVV, der immer ein bisschen wie ein Grandseigneur im dunklen Anzug wirkt, sagt nichts, aber ich spüre doch, dass er ein bisschen für mich Partei ergreift. Schließlich gibt der andere nach, er macht es nie mehr.
“Wenn es doch ein Problem gibt, wegen Deiner Auseinandersetzung,”sagt der Zigeuner zu meinem Sohn, “bin ich Zeuge. Ich habe gesehen, dass du nichts gemacht hast.”
Er lebt eine der großen Scheidungen zwischen Menschen. Wer Schweres mitgemacht hat und durch ist, kann sich schwören, sich von nun an besonders anzupassen, um zu beweisen, dass er für immer auf die richtige Seite gehört: hinter den Tresen, wo das Essen ausgeteilt wird. Er ist auf der anderen Seite im Buch des Lebens und des Todes: solidarisch mit denen, die vor dem Tresen anstehen .“Ich weiß, wie das ist,” sagt er, “ich bin selbst als dreizehnjähriger Asylant nach Holland gekommen.” Wenn eben möglich, schiebt er den Kindern ein zweites Glas Milch hinterher beim Frühstück, ganze Händevoll zusätzlicher Getränkechips bringt er mit aus der Küche und bietet sie an, ihm verdanke ich, dass aus dem hart erkämpften 2-Liter- Karton Mineralwasser, einmal von der Krankenschwester verordnet, ein solcher für jeden Tag wird. Er nimmt den leeren Karton mit in die Küche, wo er als Beweis gilt, dass er durch einen vollen ersetzt werden darf. Aber Zeuge sein zu wollen an so einem empfindlichen Punkt des jeu institutionnel, wenn’s hart auf hart kommt womöglich den Job aufs Spiel setzen, geht einen grossen Schritt weiter auf dem Weg zur ultimen Scheidung zwischen Schafen und Böcken. Der Text hierüber wird zweifellos jeden Morgen von allen, die in Europa mit Asylpolitik zu tun haben, in Furcht und Zittern , auf Knien, meditiert:
“Ich war fremd, Ihr habt mich angenommen… Kommt , ihr Gesegneten…”(Danach sagte er zu denen zu seiner Linken): “Ich war fremd, ihr habt mich abgewiesen… Hinweg… in das ewige Feuer…”
Es wäre schwer, in dieser deutlichen Rede aus dem Grundlagenbuch dieser Zivilisation(und wer glaubhaft machen kann, dass er in Schwierigkeiten kam, weil er sich zu diesem Buch bekehrte, wo das verboten ist, hat immer noch gute Chancen auf Asyl), einen Jesuiten auf einer Dachterrasse vorkommen zu lassen. So spannt sich allein tröstlich van Goghs Sternenhimmel über unserem Zelt.

Meine Welt ist das Zelt, wo im ersten Eingangsflur aufgereiht sitzen, die zum Arzt wollen oder zur Krankenschwester, an denen man vorbeigeht, wenn man rein oder raus will.

“Komm Nasu-Basu,” sage ich manchmal zu der Kleinen von der Koje gegenüber, ich scherze mit einer selbstgereimten Abkürzung, weil ich mir ihren langen, afrikanischen Namen nicht merken kann, “wir gehen spazieren. Mama betet ”, wenn ich sehe, wie die ihr großes Tuch als Gebetsteppich auf den Boden ihrer Koje breitet.
Heute sitzen sie im Eingang, als ich vorbeikomme. Ich nehme auf Mamas Stuhl Platz, während die mir auf dem Gang einen kleinen Sketch vorspielt: Sie schreitet geziemend, mit züchtig niedergeschlagenen Augen, auf und ab, ihr Tuch fest ums Haupt: “Muslim woman.”Gelüpft das Tuch: “(But I) am young. (Want to) dance…” Sie schwingt die Arme im Rhythmus des schnelleren, wiegenden Gangs, schaut umher, lacht: “African woman”. Überhaupt leben die Afrikaner hier einen entspannten Islam, viele beten, niemand macht ein Aufhebens davon. Niemand hat besondere Angst vor einer Verletzung der Speisevorschriften, das Bild mit dem durchgestrichenen Schwein über dem Tresen zum Essen-Fassen genügt ihnen.
Und sie bleiben sehr afrikanisch sie selbst.

Mamadou geht in den Gängen umher als einer, der nur sehr langsam aus einem Albtraum erwacht und zu sich kommt. “Ich sehe ihm doch an,” sagt mein Sohn, “dass er massiv geschlagen worden ist.“

Dass Chirac mit der “großen Gemeinschaft der Francophonie” nicht mich meint, die ich dieser Sprache so ziemlich mein Leben gewidmet habe, habe ich in Frankreich gemerkt bei meinem letzten Aufenthalt, aber ich hatte, naiv, auch nicht daran gedacht, dass er hauptsächlich Regime damit meint, gern auch diktatorische. Ich war in Südfrankreich, als Chirac in Conakry ankam, als Mamadou mit anderen dort am Flughafen stand, sah im TV die Transparente, die sie hochhielten:“ Libérez les prisonniers!“ Sein Vater war im Gefängnis, vielleicht schon tot, und an diesem Tag wurde Mamadou selbst hineingeworfen Obwohl David fast lieber mit Usman spricht, ist unübersehbar: :Er und Mamadou sind sich in etwas schwer zu Beschreibenden ähnlich. Der erzählt sein Leben: “Mon père était un grand marabout du pays…” – Der Vater hatte, sehr ungewöhnlich in diesem Teil der Welt, nur eine Frau und mit ihr diesen einen Sohn. Die Mutter starb früh. Wir können uns das Leben der beiden Männer vorstellen. Wie der Marabout, der ja kein Iman ist, sondern Lehrer und weiser geistlicher Gelehrter, den Sohn in der Weisheit der Männer Afrikas aufzieht. Mamadou hat es viel sichtbarer als David, das “gewisse Etwas”, das die Söhne der (Hohe)priester kennzeichnet, von denen der eine jedoch als Sohn fast eine Notwendigkeit ist, der andere fast zu Tode gejagt wird .Erst hier, als Flüchtlinge, sind sie vereint. Alles an Mamadou, wie er redet, wie er sich gibt, atmet den Sohn des Marabout. Die Menschen strömen zum Marabout, fragen ihn,( vielleicht mehr auf genuin afrikanische, als auf islamische Weise), um Rat. Die Regierung sieht es mit scheelem Blick. Die Ratschläge könnten auch gegen das Regime sein. Der Vater wird abgeholt.

Zu Mamadou ins Gefängnis kommt ein Gefolgsmann der Regierung, der aber auch ein Freund des Marabout war. “ Du machst deutlich, dass du sehr krank bist,“ weist er Mamadou an, „ dann komme ich, als der, der dich ins Hospital bringt – ich bringe dich aber zum Flugzeug. Du musst weg, damit du nicht den Weg deines Vaters gehst.” So floh Mamadou.

Der (Pentecostal-)Gottesmann hält mir unvermittelt eine kleine Predigt.: “Vous ètes une mère, comme une vraie mère africaine.Vous l’avez, ce respect, qui est, pour nous, Africains, le fondement de tout…” 9 (Ach, wie lang wird es in der Welt noch von Belang sein, welche Werte ein Afrikaner, oder irgendwer, als grundlegend ansieht?) Von da an sagen alle Afrikaner, die Christen und die Moslems, nicht mehr Madame zu mir. Ich bin “Maman” für alle, wie ihre eigenen, nicht mehr ganz jungen, respektierten Afrikanerinnen.
Die Mutter von Christian, zu der sie eben auch “Maman” sagen, wie jetzt zu mir, ist in Zaire mit ihm, nie werde ich wissen, ob er ihr eigener Sohn ist, oder ein Junge, dessen sie sich angenommen hat, 40 Tage durch den Urwald marschiert, “une marche forcée”, sagt sie. Abends haben sie irgendwas gegessen, was sich in verlassenen Dörfern fand, noch in der Nacht, sehr müde, mussten sie wieder weiter. Kranke, Alte, solche, die einen Unfall hatten, Schwangere, manchmal Gebärende mit dem Neugeborenen, blieben auf der Strecke. Man musste sie einfach liegen lassen .Sie liefert mir eine komplette Analyse, in einer Viertelstunde, des Verhältnisses zwischen Erster und Dritter Welt, einschließlich der Methoden, wie in Afrika Kriege ausgelöst werden. Das ist ja das Elend: wenn das Elend nur konsequent genug ist, können sich die Elenden zuletzt – wie zum Hohn – nur zum Verursacher flüchten.

Christian ist sieben, denke ich. Nachdem ich ihn länger kenne: acht.
Die Kinder der Montessori-Schule in der Nähe haben Spielzeug für die Flüchtlingskinder gebastelt. Die dürfen sich in der Recreatie, dem Freizeit-Schuppen, etwas aussuchen. Christian spielt versunken mit seiner Marionette. Sehr, sehr langsam bewegt er immer wieder einzelne Glieder an den Fäden. “T‘aimes ca?” “Oui.” Ein Achtjähriger tief in seinem Spiel. Erst, als ich von unserer Reise zum Asyl-Anwalt ein kleines, grünes Weingummi-Krokodil mitbringe, werde ich stutzig, ob der, zwar diskreten, Reaktion der erwachsenen Afrikaner. “Ça se mange” 10, sage ich in eine leichte Verlegenheit hinein. “Ah bon, et merci.” Ist das nicht ein bisschen kindisch für einen 13jährigen? Aber sie sagen mir Christians Alter, taktvoll, erst bei einer anderen Gelegenheit. Als sie es sagen, sehe ich danach neu auf den Jungen. Was für ein Horror hat ihn mit Leib und Seele festgebannt im Alter von acht?

Die Ressortissants aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion sind nicht ganz so freundschaftlich, wie viele andere und nur selten sieht man sie entspannt, während die Mehrzahl instinktiv dieses Zelt, diese Wartezeit, wo man nichts weiter von ihnen verlangt nach schlimmen Erlebnissen , nach dem Stress der Flucht, zum Kraft-Tanken nutzen wie zum zwanglosen Austausch. Die Aserbeidschaner, Ukrainer, Russen… hocken beisammen, scharfe Falten um den Mund, klagen und beraten. Sie besprechen anscheinend gezielter, als viele, wie man es macht, um angenommen zu werden. Nur direkt nach ihrer Ankunft setzen sie sich auch zu andern an den Tisch. Sie sprechen auch selten eine gemeinsame Sprache, bloß vergleichbar einigen Chinesen, die nur ein paar Brocken Englisch können, sind sie sprachlich abgeschieden.

Gerüchte kursieren, was man tun, was man lassen soll, was sagen, was besser nicht, um angenommen zu werden.Wer geflohen ist, weiß, was “der Punkt” war: er/sie konnte zu Hause nicht mehr leben. Das ist das Gemeinsame an jeglicher Verfolgung, formal politischer oder sogenannter wirtschaftlicher Art. So horrend der Unterschied ist zwischen einem, der eingesperrt und gefoltert wird und einem, dessen Krankheiten nicht behandelt werden, während er/sie langsam verhungert: am Ende steht immer der menschenunwürdige Tod. Aber man muss den Fluchtgrund so formulieren, dass er in die hiesigen Kategorien passt. Die Gerüchte wollen: Man soll sich etwas jünger machen (was nichts nützt, wenn es nicht unter 18 ist – bis jetzt); man soll verschweigen, wenn man es schon woanders versucht hat, in Frankreich, in Deutschland.
Der Junge aus Afghanistan, der so gut deutsch spricht, der das Mineralwasser, das ich ihm anbiete, sofort an eine afghanische Familie weitergibt, “weil die Kinder haben”, erzählt, wie er seinen Vater mit zertrümmertem Schädel, seine Mutter ermordet im Schlafzimmer vorfand, der ältere Bruder war verschwunden als er nach Hause zurückkehrte, der einzige von der Familie, der hatte wegrennen können, als die Taliban kamen. “Jetzt bin ich ganz allein,” sagt er traurig.. Er sieht aus wie in einem zu großen Mantel aus Schmerz, wie David, der, wenngleich er nicht das erlitten hatte, als er unter den ersten, schweren Hämmern als “Priestersohn” mit 16 zu Boden gegangen war, keiner der verwöhnten Europäer hielt ihn damals für so jung. Wird man dem Afghanen die 16 Jahre glauben? Ob er im Goethe-Institut zu Hause so gut deutsch gelernt hat, oder doch zuerst in Deutschland war: die Frage ist obszön auf dem Hintergrund seiner Geschichte. Überhaupt tut es weh, wenn hier Menschen das Abkommen von Schengen zu bedenken versuchen, denen der Name Schengen noch weniger sagt, als den meisten Europäern Ouagadougou.

Ich sage nicht, dass es die Niederlande allein sein können, die allen Zuflucht bieten, deren sich die großen Länder entledigen; aber an dem Druck, der dadurch entsteht, ist nicht der Asylant schuld.

Wer vielleicht weniger gelitten hat, darum oft auch mehr Kraft zum Entwickeln von Strategie und Taktik hatte, erzählt schon im Wartezelt seine Geschichte so, dass sie in die Kriterien passt. Der Palästinenser des “Back to Germany?” ist sehr schnell fort, der andere trägt ein Büchlein mit sich herum, man müsste Arabisch können, um die Aufschrift zu lesen. Sein Asylgrund: Bekehrung zum Protestantismus, darum inkompatibel in seiner Herkunftsgesellschaft. Ein Freund wohnt “zufällig” auf dem flachen Land in der Nähe, er ist “zufällig” auch Protestant, Sonntags vormittags holt er ihn mit dem Auto ab, sie fahren nach Venendaal in die Kirche. “No cross, no picture, no flowers…”( Oder war es vielleicht “only cross?“) erzählt er. Es ist eigentlich nichts drin in der calvinistischen Kirche, was einen Moslem schockieren könnte.

Manche Iraner sind nur kurz hier. Man sagt, dass sie so wenig wie möglich miteinander sprechen aus Angst vor Spionen des eigenen Regimes. Als es zweien von ihnen zu langweilig wird, verschwinden sie. Sie wissen schon, erzählt ein anderer, wo in Europa der Verwandte mit dem persischen Restaurant auf sie wartet, in dem sie viel arbeiten und viel verdienen werden. Aber der iranische Offizier, der, immer allein, nie außerhalb des Camps, herumgeht, bleibt, wie wir, die vollen drei Wochen bis Rijsbergen.

Gegen Ende unseres Aufenthalts in Elst kommen immer mehr “Deutsche”. Die das auch offen zugeben. Der Kroate spricht mich im Hof an: “Ich habe gehört, dass Sie Deutsche sind. Ich bin praktisch auch Deutscher, seit 30 Jahren in Berlin, von wo ich jetzt gehen musste.” Er ist besonders höflich, fast galant und voller Hoffnung, jetzt, da er es bis nach Holland ins Wartezelt geschafft hat. Ein paar Wochen später trifft ihn David in Amsterdam auf der Strasse, eine Dose Bier in der Hand, entsetzlich müde.. “Sie haben es geschafft, ihn innerhalb von ein paar Tagen zum klassischen Obdachlosen zu machen”, berichtet er. ( Freud: In der analen Phase identifiziert sich das Kind, in der Fixierung der Erwachsene, mit dem Abfallprodukt, das aus seinem Körper kommt. Alles Scheiße . Die anale Phase der Menschheit: Menschen müssen weggeschmissen werden, fortgespült.)

Der Sudanese ist auf die hibbelige, schwer erträgliche Weise nervös und gespannt, wie oft Jungen kurz vor der Pubertät. Er ist noch voll unter dem Schock. “Nach zwölf Jahren,” sagt er immer wieder. “Arbeit, Steuernzahlen und alles.” Und dann, das erste und einzige Mal, dass wir es erleben: “Deutsche und Asylbewerber?” fragte er sehr misstrauisch “Sie sind wohl eher von der Polizei?” “Sehe ich so aus?” frage ich zurück. “Solche sehen ja eben nicht so aus”. Jetzt bin ich doch froh, dass unsere Zeit hier abläuft, sonst hätte ich noch froh sein müssen über die Patrouillen der Security, wenn der seine Paranoia verbreitet hätte.

Bevor man seinen Namen checkt auf der Liste, die aushängt vorn links vor der Warteschlange zum Essen, hat man schon etliche Freunde zum Bus gebracht, der neben der Rezeption hält. Praktisch jeden Tag ertönt mehrmals die Stimme im Lautsprecher in den Zelten: “People who go to Rijsbergen or Zevenaar, please, come to the bus.”

Mit Hilfe einer Komplizin bei den Vrijwilligers im Second-Hand-Shop konnte ich im letzten Moment meiner Freundin von gegenüber einen Mantel besorgen. Sie hatte dort so viel für die Kinder geholt, dass die Rückseite des Polizeipapiers voll war, was als limit galt und hatte selbst nur eine Strickjacke zum Überziehen, keinen Mantel. Ich tausche meinen österreichischen Lodenmantel, auf dem Markt in Carcassonne vom Wühltisch gekauft, gegen eine blaukarierte Dreivierteljacke, in der ich verblüffend holländisch aussehe, trotz meiner 1,60. Ich sehe noch, wie eine Pakistani meinen Lodenmantel nimmt: ein Fall für Bölls Soziologie eines Lodenmantels, oder hier Geografie. Da ich nun eine Jacke habe statt eines Mantels, (man bekommt keinen Mantel , wenn man einen besitzt), kann ich einen Mantel… Beinahe wäre es schiefgegangen. Meine Freundin ist doppelt so umfangreich und bedeutend größer als ich. “Besser, Sie probieren ihn mal an,” sagt die andere Ehrenamtliche. An ihrem Blick sehe ich, dass sie sich ziemlich wundert : Habe ich so wenig Augenmaß? Der Mantel schlottert sehenswert an mir und um mich herum. “Der ist ja wirklich viel zu groß,” heuchle ich und muss ihn zurückhängen. Ich muss auf meine Komplizin warten, bei der ich einen prächtigen lila Kaschmirmantel kriege, den meine Freundin begeistert anzieht, 10 Minuten bevor ihr Bus geht.

Umarmungen, Winken, der Direktor steigt kurz zu und wünscht: Good luck, für diese Fracht schwer an Sorgen, Erinnerungen, Ängsten. Es ist ja eben kein literarischer Euphemismus, zu sagen: es geht für die meisten um Leben und Tod.
Auch wer klug das Wartezelt als Suspens nutzte, kann es sich jetzt nicht mehr verhehlen. Ich glaube nicht, dass es sich viele vorstellen können, wie es ist, da die Niederlande bei Ablehnung oft nicht brutal abschieben, in Obdachlosenstätten zu schlafen, hier Opvang genannt, hier meist von der Heilsarmee, oder in Bahnhöfen, die Einkaufszentren sind und vor Reichtum überquellen am Tag, wo nachts ein begrenzter Eingangsraum als Schlafplatz erlaubt ist für Weiße und immer mehr Braune und Schwarze, die tagsüber mit einem Rucksack umhergehen, in Bibliotheken sitzen, solange man sie läßt, oder immer an derselben Stelle neben dem Eingang zum Warenhaus stehen… in den humaneren Städten: Utrecht… In Amsterdam ist der Bahnhof nachts zu. Und davor, in der Eiseskälte im Februar, nachts um 3, wenn die schlimmste Zeit ist, können wir das “Drogen-Paar” sehen: einen schwarzen Dealer, fast zum Tier degradiert, alle Glieder ständig zuckend, schüttelnd, schlenkernd, die Arme fast bis zum Boden hängend. Vornüber gebeugt sucht er die Straßenbahngleise ab, verzweifelt hin und herlaufend, ratlos: offensichtlich ist ein Ingredient für die Spritze abhanden gekommen, die er in der Hand hält, das Mädchen, durchaus bürgerlich angezogen, eine Holländerin, tippe ich, jedenfalls eine Europäerin, weint und zittert auf der Bank im Wartehäuschen der Straßenbahn, sie erträgt das Warten auf die Droge nicht mehr, ihr Gesicht wird immer wahnsinniger, sie krümmt sich jetzt vor Schmerzen. Immer wieder läuft der Schwarze zu ihr, so etwas , wie :ich suche noch, ich komme ja, so etwas, wie ein entfernter Widerhall dessen, was ein Mann in einem anderen Aeon empfunden haben kann: den Wunsch, einem Mädchen zu Hilfe zu kommen. Er fährt mit den Fingern in den Gleisen entlang, zuletzt – nein, ich weiß nicht, was eigentlich zuletzt geschah und immer wieder geschieht. 

In Rijsbergen II

“Ladies, get up!” – Licht an. “Get up,Ladies!” Rütteln am Etagenbett, an den nächsten Betten, wie sie durch die Reihen geht: “Good Morning – Get up!”

Im unteren Bett, fast ganz in den Kleidern, wie die meisten Frauen, die am Abend höchstens die lange Hose ausgezogen haben, den dicksten Pullover, ebbt der ohnehin seltsam flache Schlaf ab. Rijsbergen. Schlafsaal der Frauen.

Die Decke zusammenlegen, die Wegwerflaken zusammenknüllen, auf einen Haufen schmeißen, hier hat man kein festes Bett, heute abend lege ich neue Laken in ein anderes Bett. Le strict nécessaire : Seife, Zahnpasta, Zahnbürste, Kamm, ein Tütchen Shampoo, ein Wegwerfhandtuch, die Duschen sind gegenüber, es ist ungefähr 10 nach 7, die Duschen sind bis 8 offen, sehr frequentiert, aber eine ist jetzt frei. Kaffee aus dem Automaten, noch bevor im mittleren Teil der Warteräume der Schalter aufmacht, wo das Essen ausgeteilt wird, wofür man in drangvoller Enge und Discomfort ansteht: morgens wie abends kriegt man eine Doppelstulle in die Hand mit einem Apfel, die Männer sind aus ihrem Schlafsaal auf der anderen Seite gekommen; ich sehe von weitem meinen Sohn.

Manche setzen sich mit dem Brot gleich hier, in den zwei kleinen, mittleren Räumen, wo es Tische und Stühle gibt – sehr schnell sehr voll- ich fange an, ich zu sein nach zwei Bechern Kaffee aus dem Automaten, also ich gehe in den linken, länglichen Warteraum zurück, der sich bis vor die zwei Frauenschlafsäle erstreckt, wovor das Krankenzimmer, der Babyraum liegen. Die Duschen am Ende des Ganges sind schon zu. “Diese Holländer”, sagt mein Sohn, schon seit unserer Reise von Elst nach Alkmaar zum Anwalt, “schaffen es, letztlich fast nie etwas anderes zu bauen, als ein Schiff.” Ein Gebäude ist nur längs wie ein Schiff, wie jetzt dieses hier, oder wie ein Schiff nur von der Breitseite. Das hier ist ein sehr enges Schiff, in dem sich etwa 2oo Leute drängen, die Stress und Angst empfinden – und das soll auch so sein -, die sich zu einer unruhigen, ermüdenden Atmosphäre verdichten In diesem und dem Warteraum auf der anderen Seite zum Männerschlafsaal hin gibt es nichts anderes, als feststehende Plastikstühle, ein Bord dazwischen pro einander gegenüberstehender Reihe, wo man etwas abstellen kann. Die Stühle sind genau von der Art, die vor ungefähr 15 Jahren in Europa überall aufgestellt wurden, als ein paar europäische Selbstverständlichkeiten zu verschwinden begannen, alte Frauen, Mütter mit Kindern und Kranke plötzlich obdachlos sein konnten, als müsste es so sein, als gehörte es sich so, und die Kirchen langsam wieder eine gute Presse bekamen. Da verschwanden Bänke und bequemere Stühle aus den Bahnhöfen und Wartehäuschen, man brauchte kalte Plastikstühle, die hart voneinander abgegrenzt sind, damit Reisende kurze Zeit sitzen können, aber niemand, der dringend danach verlangt, sich mehr hinlegen kann.

In Rijsbergen sitzt, steht und geht man herum bis zum Abend. Es ist den Security überlassen, wann genau sie die Schlafräume aufschliessen, nie vor 21 Uhr, eher um 10.

Die berühmten achtundvierzig Stunden von Rijsbergen sind nicht, was man denkt. “Wir haben 48 Arbeitsstunden,” sagt der erste Interviewer zu meinem Sohn, “um zu beweisen, dass Ihr Asylbegehren unbegründet ist. Schaffen wir das nicht, werden Sie angenommen ”. David und ich sind also eine Arbeitswoche dort, von Montag bis Freitag, es ginge auch keinen Tag länger. Der Arzt aus Kosovo, der schon 5 Mal im Hafen von Vlissingen geschnappt wurde, von wo er nach England wollte, und für den die Administration hier Schritte unternimmt, damit er, wenn möglich, diesmal wirklich dorthin kann, ist einen Tag länger hier, als das vorgeschriebene Limit von 5 Tagen erlaubt. Er schläft im Gebetskämmerchen mit den Gebetsteppichen ein, von wo ihn ein indonesischer Security mit modisch blau gefärbten Augen herausholt: Schlafen darf er nicht in der Kammer, wo er betet.

“…Eine dieser Ängste”, sagt mein Sohn, “von denen die Leute aus dem Nahen Osten anscheinend umgetrieben werden: dass man den Status als voller Mensch nur aufrecht halten kann, wenn man sich in gewissen Situationen unbedingt wäscht…” (das Alte Testament z.B. ist voll von solchen Vorschriften, die das Mensch-sein-und-bleiben garantieren sollen)..
“We are not animals!” schreit der Algerier jetzt, nach dem Austeilen der Frühstücksstullen, nahe dem Essschalter. Es entsteht ein kleiner Tumult David hatte den Beginn des Konflikts am Vorabend miterlebt. Der Algerier hatte sich mit einem Security vor dem Männerschlafsaal angelegt. Er wollte unbedingt duschen. Aber duschen darf man nur zur festgelegten Zeit. Der Security hatte einen draufgelegt auf die Weigerung, um seine Macht zu demonstrieren. Der Streit war eskaliert. Man hatte dem Algerier gesagt, dass er gehen muss, nicht jetzt am Abend mehr, aber morgen.

“Ich will euer Asyl nicht mehr!” schreit der Algerier: “wenn es bei euch keine Menschenrechte gibt!” Er will aber unbedingt dem Flüchtlingswerk, das einen Schalter neben der Essensausgabe hat, der zwei Mal am Tag zwei Stunden geöffnet wird, berichten, was vorgefallen ist. Er ist schnell und gekonnt von Security umringt, unter ihnen auch ihr Chef, der sich sonst nicht hier aufhält und wird hinausgeleitet. Ich gehe, ziemlich aufgeregt, zum Flüchtlingswerk: “Der da hinausgebracht wurde, wollte unbedingt mit Ihnen reden. Das hat man ihn nicht gelassen… usw. Ich möchte doch, dass Sie das wissen”. “Ist gut”, sagt das Mädchen gleichmütig, das Dienst tut. “Ich sag’s meinem Boss”. Ein paar Wochen später wird es bei einem Anliegen, das uns nochmal vor die Schranke von Rijsbergen führt, hinein können wir dann nicht mehr, jemand vom Flüchtlingswerk muss herauskommen, eine der einmalig kalt wirkenden Frauen, die ich immer wieder einmal in Hilfsorganisationen arbeiten sah, sagen: “Wir zeigen konsequent low profile, um überhaupt etwas zu erreichen.”

Kurz nach diesem Tumult, als der Algerier weg ist, lerne ich den Security -Chef von nahem kennen: Ich sehe, dass ich es so hier nicht schaffen können werde. Vor der Flucht drei Jahre um “das letzte Grab Gottes” (Andrews und Schellenberger) herumgewandert, oft 30 km am Stück, zu Fuß, oft fast ohne zu essen, wie die Katharer auf der Flucht vor der Inquisition (wahrscheinlich teilweise auf denselben Wegen), in Stress und Angst die Route für ein Kunstwerk festzulegen versucht, Texte konzipiert, neu koordiniert, neue gemacht, Zusammenarbeit gesucht, zur Un-Person gemacht, als das Projekt konkreter wird. Ich gehe zu einem Security, der bei einer Glastür zur Schleuse zum Verwaltungstrakt herumsteht: “Ich muss mich mittags 2 Stunden hinlegen”, sage ich. “Das gibt es hier nicht”, verachtungsvoll. Es kommt mir absurd vor, alles in solchen Institutionen ist dazu gemacht, dass, wer die Rolle hat, nicht ganz Mensch zu sein, es selbst irgendwie irr findet, wie ein Mensch zu kämpfen, auf etwas zu bestehen, aber ich spiele, wie wenn ich schick und ausgeruht in einem Büro, zwischen Lunch und Kaffee, einen kleinen Job-Machtkampf auszufechten hätte: Ich mache ein betont ungerührtes Gesicht, sage kühl: “Haben Sie auch einen Chef?” Er spricht in sein Handy: “… will den Chef der Gefangenen (wörtlich!) sprechen…” Sagt er: “de Duitse?” Jedenfalls scheint der Chef es zu wissen, als er kommt “Es ist hier leider unmöglich,“ bedauernd. Ich insistiere. Das Herz. Ich will dem Infarkt lieber zuvorkommen. Dann muss ich zum Arzt. Er bringt mich durch die Schleuse in die stille Zone hinaus, wo die Entscheidungsträger sitzen. Ich erinnere mich weiter an Situationen und Zeiten aus einer anderen Welt, als Dolmetscherin, als Lehrerin, als Freundin…
Unterwürfigkeit ist nie gut für eine Sache, hier wäre das, stehend warten. Ich setze mich unaufgefordert in einen Sessel, der nicht für mich da steht. Ich sage es einfach auf Deutsch, als die Krankenschwester erscheint (das ist das letzte, was ich im Leben wollte, dass ich irgendeinen Vorteil davon habe, deutsch zu sein, oder zu sprechen, aber jetzt macht es Eindruck durch den Überraschungseffekt.) Ich erkläre, warum ich… Sie setzt erst an zu dem, was sie sagen soll, aber sie besteht dann doch nicht auf weiteren Bedingungen oder Unmöglichkeiten.

Das Krankenzimmer zwischen dem Warteraum links und dem Schlafsaal für Frauen ist offen. Theoretisch könnte man einfach hineingehen, sich hinlegen. Aber es wird mein Name an die Tafel neben der Tür geschrieben, nur unter der Bedingung darf ich drin sein. Ich werde die zwei Stunden mittags dort meistens nur mit einer schwangeren Araberin teilen. Es ist noch gut Platz. Als ich das Gesichtlein der kleinen Ay in ihrem Mongolenwestchen immer mehr entgleisen sehe im Stress – in Elst war sie das ausgeglichenste Ein/ Zweijährige, das ich je gesehen habe – und ihre Mutter im ständigen Geräuschpegel, Herumtragen, Kommen, Gehen, Sitzen, am Ende ihrer Kraft ist, versuche ich ihr auf Englisch zu raten, sich ins Krankenzimmer einweisen zu lassen. Dort könnte sie Ay mit auf ihr Bett legen und beide immer ein paar Stunden ruhen (die schwangere Frau dort hat auch meist ihr Dreijähriges bei sich). Aber sie gibt zu verstehen, dass sie doch versuchen will, auszuhalten, sie will nicht auffallen durch Extras, nichts gefährden.

Für ein paar Stunden am Tag gibt es eine private Kinderstube mit Helferinnen, von einer Stiftung, ganz am Ende der allgemeinen Räume, etwas weg vom Stress. Dort kann aber der kräftige, mongoloide, schwarze Jugendliche kaum hin, der mit seiner Mutter und noch einer Frau aus derselben Familie aus Deutschland abgeschoben wurde nach 12 Jahren, erzählt mir die Frau, trotz aller Gutachten über die Krankheit des Jungen. Er läuft herum in den Warteräumen, wo er die allgemeine Stimmung auffängt und austeilt. Er ist es, der ohne Vorwarnung, ohne direkten Anlass, mit voller Wucht dem Security auf einen Fuß stampft, der vorhin einem anderen auf die Frage: Kann ich eine Cola haben? geantwortet hat: Einen Tritt in den Arsch kannst du haben.
Bei der ersten Gelegenheit sage ich einer sehr höflichen, gepflegten Mitarbeiterin der Polizei – viele der Frauen, die hier die “besseren” Jobs und Funktionen haben, sind etwas overdressed für die Arbeit und ein wenig zu stark geschminkt, sie schminken sich gegen das Elend an – , dass es unerträglich ist, den jungen Mongoloiden tagelang in dem geballten Stress herumlaufen zu sehen. Kurz danach ist er verschwunden. Hoffentlich habe ich nicht seine und seiner Mutter schnelle Abschiebung befördert.

Einige aus Elst, die vor uns hierher gekommen sind, kann man begrüßen. Wir sehen, wie der Intellektuelle , ein Afrikaner aus dem ehemaligen Belgisch-Kongo, der haargenau das Outfit zeigt wie der Typ des französischen Intellektuellen vor 30/40 Jahren, zu dem begehrten Ausgang gehen darf, der zum Bus führt, mit dem die Auserwählten ins O.C. fahren – wie auch Gott sei Dank Maman mit dem dreizehnjährigen Christian. Der mit der perfekten Legende begrüßt meinen Sohn hier weniger als Freund, als in Elst, wahrscheinlich hat er gemerkt, dass der inzwischen gemerkt hat. Natürlich sehen wir ihn auch ins O.C. abgehen.
Akali – “J‘aime trop le foot – quoi”, geht schnell ins O.C. , eindeutig minderjährig. Ein schätzungsweise 30-jähriger, der konsequent behauptet , unter 18 zu sein, und dabei lacht, wenn er hier unten bei uns ist, es ist der, der auch in einem lustig schwäbisch durchsetzten Deutsch (er war lang in Stuttgart), sagt: “Man muss lügen. Europäer lügen auch immer, ” ist nicht unsympathisch. Wenn uns aber seine launige Unterhaltung zu viel wird, schicken wir ihn unter einem Vorwand zum “bayrischen Serben”, einem, der wirkt, wie aus der K.u.K. Monarchie, ein verwickeltes Schicksal hat, voller Härte, in dessen Verlauf er auch einmal Kellner in Straubing war, daher das “bayrische”, der zu Tode erschrickt, als er von weitem einen Polizisten sieht, der Handschellen am Gürtel trägt. Anstand und Humor strahlt .er bei alledem aus. Jetzt droht er uns lächelnd von weitem mit der gefalteten Zeitung, die das Flüchtlingswerk austeilt, als der “Jugendliche” bei ihm ankommt. “Also du – “ redet er den“ Unter-Achtzehnjährigen“ abends im Männerschlafsaal an, wie der sich unter seine Decke verkriecht:“ Das kann ich nicht verstehen, dass du schon so früh ins Bett gehst. Mit sechzehn ! Als ich sechzehn war, habe ich abends ganz andere Sachen gemacht…” und ist dabei so lustig, dass alle sehr lachen müssen, auch der blonde Iraker, der kein Wort versteht in dieser Sprache.

Über unser Leben hier sagt der “bayrische Serbe”, der schon einmal in einem Gefängnis war: “So schlimm wie hier war es dort nicht.”

Der KGB-Mann aus Lettland steht genauso da, wie ein KGB-Mann. Trenchcoat, ein blindes Auge, die Geste beim Umblättern seines Interview-Berichts lässt einem das Blut in den Adern gefrieren . Zum Glück ist es nicht mein Bericht, in einem Büro des KGB in Riga, zum Glück werde ich in Holland und nicht von ihm interviewt.
Aber da wir hier in einer anderen Konstellation sind, führen wir interessante Gespräche. Wir erörtern die spannende Frage, an der sich schon so viele vergeblich versucht haben, nach dem Verbleib des Weltwunders: des Bernsteinzimmers am Ende des letzten Weltkrieges. Ist es verladen und weggeschafft worden, vielleicht in Teilen? Ist es in den unterirdischen Gängen von Königsberg, (Kaliningrad) versteckt? Das behauptet er, der die Gänge, wie er sagt, sehr gut kennt. Plötzlich schießt seine Hand trocken vor, er packt einen Jungen, der zufällig gerade da läuft, hart am Kopf. “Why? Why ? Das tut doch weh!“ “He is curdish- I don’t like them.”

Auf unsere Unterhaltung waren wir gekommen, weil ich darauf, dass er aus Lettland ist, erzählt habe, dass mein Vater in Tilsit (Sowjetsk) geboren ist, etwa 150 km nordöstlich von Königsberg. Dass er das dem russischen Ehepaar erzählt, das mich in Elst konsequent übersehen hat, trägt mir eines von zwei grüßenden Kopfnicken der beiden ein. Sie kommen aus Kaliningrad/ Königsberg, so sind wir über meinen Vater sozusagen Nachbarn aus der Heimat. (Das zweite Mal grüßen sie mich, als ich ihnen einen holländischen Satz aus ihrem Interview-Bericht übersetzen soll in eine dafür ad-hoc erfundene Sprache, weit weg selbst von der Weltsprache Bad English , die sie kaum verstehen. Im Prinzip verstehe ich (noch) gar kein Holländisch, aber sie wissen, dass Holländisch und Deutsch, sagen wir, einander nicht völlig unähnlich sind.

Inzwischen lese ich hier Formulierungen, die auch viele Holländer erstaunlich finden. Getreu meinem künstlerischen und wohl auch persönlichen Hauptthema: Denken van Wie ons ontsnapt 11, wo die Sagbarkeit eines doch transzendenten Gottes diskutiert wird.
.
Der KGB- Mann geht prompt ins O.C. Überhaupt begünstigt die Prozedur und ihre Umstände eben Leute mit guten Nerven, die mit den Härten umgehen können, manchmal, weil sie schon früher nicht am meisten gelitten haben. Der Gottesmann kommt zwei Tage nach uns an. Er ist
schon bei der Ankunft demoralisiert. Erst jetzt, da ich dies schreibe, glaube ich zu verstehen, warum. Die Eingangsformalitäten in Rijsbergen, die Fingerabdrücke, die genommen werden, usw. nehmen ihm brutal die Illusion, hier sei alles anders als in Frankreich, die er wohl in Elst genährt hat. Er und seine Frau waren nach Frankreich geflohen “wir haben doch Eure Kultur, Eure Sprache etc.” und waren sofort eingesperrt worden. Nur durch einen glücklichen Zufall konnten sie noch nach Holland. Getreu meiner Methode, mit der ich als Mädchen Französisch gelernt, später Asiat(inn)en in Deutsch unterrichtet habe, hatte ich in Elst, als er sagte, er wollte Holländisch lernen,( das war in der Recreatie, wo ich mich mit Hilfe alter Frauenzeitschriften einlas: Holländisch mit “Margriet” und “Libelle”), geraten, nicht mit dem Einfachsten zu beginnen, sondern mit dem, was ihn am leidenschaftlichsten interessiert. “Wenn Sie ihm eine holländische Bibel besorgen würden,” bat ich ein paar Ehrenamtliche in der
Recreatie. Das taten sie sehr gern. Daraus entstand weiterer Kontakt, der Gottesmann wurde mit seiner Gebetsgruppe eingeladen, in der protestantischen Kirche am Sonntag Abend afrikanische, christliche Lieder zu singen. Da war ich schon weg. Wie er jetzt in Rijsbergen ankommt, frage ich ihn danach. Er kann kaum antworten Wenn man das von einem Afrikaner sagen könnte das … Äquvaqlent von bleich…ist er, angstvoll gespannt. Seine Frau ist bei ihm, die Kinder aber sind zu Hause geblieben.. Hier ist man also auch eingesperrt. Und was kommt dann?

Zum strict nécessaire gehört in Rijsbergen kein Rasierzeug für die Männer. Das wirkt überraschend demoralisierend. Der Iraner ist so unrasiert kaum noch er selbst. Schließlich sehen wir ihn aber erleichtert ins O.C. gehen.

Wie in manchen Ländern der Gruß lautet, wenn zwei sich begegnen: Hast Du schon gegessen? heißt es hier: Warst du schon beim Interview? Die Antwort lautet: a) Nein; b) ich war beim ersten Interview, warte jetzt aufs zweite, c) ich war bei beiden, warte jetzt aufs Ergebnis. Das erste Interview befragt zu den persönlichen Daten, dem Werdegang und dem Weg, den der Flüchtling genommen hat, um hierher zu kommen: ein brisanter Teil der Befragung, sie nehmen es wirklich übel, wenn herauskommt, dass die Angaben, die einer gemacht hat, nicht stimmen, aber der Flüchtling, vage informiert, oft gerade der, bei dem der Kern der Verfolgung außer Zweifel steht und hier zur Anwendung käme, wagt es oft nicht, die Wahrheit zu sagen. “Ïls m‘ont montré des photographes de bateaux (es rührt mich, wenn ich daran denke, wie er so altmodisch das Wort photographes sprach) 12 erzählt Mamadou nach dem ersten Interview. Sie haben natürlich gemerkt, dass er nicht wirklich mit dem Schiff kam. Dass sein Vater Marabout war, haben sie kaum geglaubt, ihr Vater ist ja nicht Geistlicher, sie sehen es nicht wie wir, wie David, der selbst… Dass er im Gefängnis war und misshandelt wurde, glauben sie nicht. Sie haben ja nicht in Elst, in beobachteten und scheinbar unbeobachteten Momenten, mit ihm gelebt. Dazu kann man jetzt sehr leicht die Fingerabdrücke aus verschiedenen Ländern per Computer vergleichen. Wenn einer in Frankreich war, sei es nur sehr kurz, und es nicht mal zugibt…..

Sind Usmans schwangere Frau und seine Mutter vor seinen Augen getötet worden? Allein die Frage lässt mich erzittern. Es ist wahr, dass ich nicht Augenzeugin war. Ich habe aber gesehen, wie er, der, wie es die Männer lernen, öffentlich keine Träne weint, oft ein verheultes Gesicht hat, und dass ein Schrecken ihn überzieht, wenn Araber zur Sprache kommen. Marokkaner machen regelmäßig “Strafexpeditionen” in sein Gebiet in Mauretanien.

Es lässt schon an Science Fiction denken, was sich in diesem engen Flüchtlingsschiff Rijsbergen abspielt: als gäbe es bereits gezüchtet, geklont, verschiedene Gattungen Mensch. Wir hier unten, in primitiven Umständen, um unser Leben rennend in der Enge, im Lärm, gleichzeitig destrukturiert und reglementiert, schlecht angezogen in denselben Sachen Tag und Nacht, die Frauen selten geschminkt, die Männer unrasiert, man sieht nur unsere müden, gespannten Gesichter. Unter dem Druck reagieren manche… unerwartet. Hitler! schreit ein Afrikaner jedes Mal, wenn er uns sieht. Einer, der neu angekommen ist, geht auf mich zu und erklärt, dass er sich unter meinen Schutz stellt, dass ich nun seine Mutter bin in Termini, die an Marienlieder erinnern. Anders, als bei der liebenswürdigen Predigt des Gottesmannes in Elst weiß ich nicht, was ich davon halten soll. Es wirkt ein wenig, wie wenn er mich für einen holländischen(?) Spitzel hält und sich deswegen vorsichtshalber schon mal mit mir verbündet. Zu uns hier unten in den gekachelten Räumen steigen die Wesen aus einer anderen Welt herab, sie halten ein Double der Rijsbergen-Kennkarte hoch, rufen Namen im Gewühl, lassen mich – für begrenzte Zeit und um zu beurteilen, ob ich Gnade finde nach der Prüfung von Herz und Nieren – die Treppe hinaufsteigen zum ersten Stock, in einen ruhigen, ganz normalen Büroflur, wo Namenschildchen an Türen sind, ein Photokopierer steht, es ein wenig nach Kaffee riecht. Meine erste Interviewerin lässt mich die Sprache wählen, wir führen ein langes, wie manche es nennen würden, “oberklassiges” Gespräch auf Französisch, ein Foto ihres Töchterchens steht eingerahmt auf einem Extra-Tischchen an der Wand.

Vor dem zweiten Interview muss jeder von einem Pflicht-Anwalt gerufen und beraten werden. So lernen wir fünf(!) holländische Anwälte kennen. So viele finden einen Vorwand zum Gespräch dank des Rufs unseres berühmten Asyl-Anwalts draußen, der, immer völlig überbucht, auf Fürsprache der Dame vom Flüchtlingswerk in Elst, unseren Besuch und dann uns zu vertreten akzeptiert hatte. Er sagte es so: “Defy the catholic church,” Aber er rechnete, mindestens zuerst, mit Ablehnung. Das ist nicht schockierend. An der 2000-jährigen Institution, die nun wirklich mit allen Wassern gewaschen ist, haben sich schon andere, in anderen Zeiträumen, die Zähne aus-
gebissen… Unser Anwalt hat schon die Berufung vorbereitet.

Meine zweite Interviewerin ist denn auch von Anfang an tendenziös, abgesehen davon, dass das Sujet sie erheblich überfordert, was ich nicht übel nehmen kann, was aber eher zur Bescheidenheit mahnen würde, statt zum wiederholten, aggressiven Ruf: Tot de essentie! Vom Dolmetscher immer wieder brav und leidenschaftslos mit: “Und nun zurück zum Wesentlichen,“ übersetzt, im Ton eines ultrabraven, deutschen Lehrers. Was soll ich sagen? Diese schicke, junge Dame., die die Gewichte und die Bezeichnung der Skalen vorbereitet, wiegen werden andere, die wir nicht sehen (Man beachte, wie wahnsinnig die Welt mit den Religionen der letzten 4ooo Jahre geworden ist, es kehren in dichten Situationen wie hier ständig alle mythologischen Themen auf einmal zurück, pêle-mêle, hier das ägyptische Totengericht) hat mich für eine Weile in die obere Welt geholt.- Es hat sich für mich gelohnt, wegen des einmaligen Satzes, den sie sprach: In welchem Augenblick (in Karlsruhe) hat Ihnen der Spion gesagt, dass er ein Spion ist?
Bevor ich am nächsten Morgen noch einmal zum Anwalt gerufen werde, hat Eric, ein baum langer Afrikaner, was häufig ebenso baumlange Holländer wahrscheinlich nicht sonderlich beeindruckt, dringend um ein Schmerzmittel gebeten und dass man ihn kurz dafür zum Arzt lässt. Das hatte der Türsteher-Security mit deftigen Worten und Gebärden abgeschmettert. Eric ist ausgerastet. Er schreit und schlägt um sich: “Vous nous prenez pour des c…, ici!” 13 etc. Der Vietnamese, Mann meiner vietnamesischen Freundin, versucht, mit anderen zusammen, ihn da wegzuziehen, während er, asiatisch beherrscht, in Richtung Security durch die zusammengebissenen Zähne murmelt: “There is no use to demonstrate power – we are powerless.” “I had already similar situations in my life,“ hat er meinem Sohn erzählt. Ich mache nochmal vom Mit-Europäer-Effekt Gebrauch. Ich spreche mit Eric: was ist? Dann sage ich zum Security: er braucht ernstlich ein Medikament. Eric geht zum Arzt. Das war das zweite Mal, denke ich. Sie werden das nicht auf sich sitzen lassen. Die Security werden sich verbünden, um mir eine Lehre zu erteilen.. Denn am zweiten Abend hier schon, als wir todmüde vor dem Frauenschlafsaal in den Stühlen hingen, kriegten wir anderen es zuerst kaum mit: die Frauen mit Kindern waren schon aufgefordert worden für den Mutter- Kind- Schlafsaal. …jetzt dringt nach und nach die Stimme und das Geräusch zusammen mit dem Gequengel der übermüdeten Kinder, dem Weinen, ins Bewusstsein: ”Nein – so nicht! Zurück! Noch einmal!”
Sie lässt sie regelrecht exerzieren, damit sie “in der richtigen Ordnung” in den Schlafsaal gehen. Beim dritten Mal überschwemmt mich eine wuchtige, rote Woge, ich bin nicht mehr ich, ich kenne mich nicht mehr, sonst hätte ich mich nicht getraut. (Ich) bahne mir einen Weg durch die Mütter-Kinder, höre mich brüllen: Sind Sie wahnsinnig? Sehen Sie nicht, dass die nicht mehr können? Wo ist Ihr Chef? Wir sind hier nicht im KZ!” Sie ist groß und dick (und recht hässlich, etwa ein Drittel der weiblichen Security sieht so aus, dass man versteht, warum sie sich betragen, wie sie sich betragen, wenn man sie lässt… so also kann eine Frau auch Macht ausüben). Sie stößt mich vor die Brust, dass ich taumle. Aber die anderen gehen jetzt in den Saal.
Am Morgen drauf zeigen die Frauen ihren Männern verstohlen: “Das ist die, die uns verteidigt hat.” Nachdem Eric zum Arzt geht, denke ich, ich soll vorsichtiger sein. Ich gehe auf den kleinen Gefängnishof Luft schnappen. ”Ich war in Deutschland in so einem Asyl-Prozedur-Center”, sagt mir dort ein Armenier. “Es ist erheblich schlimmer als hier. Einmal habe ich dort um ein Medikament gebeten. Dass der Sozialarbeiter (wie sie dort, wie zum Hohn, die nennen, die immer unten bei den Asylsuchenden sind), mich nicht erschlagen hat!… Sie als Deutsche müssen das doch alles hier ungeheuerlich finden.” ”Es ist doch ein Privileg,” antworte ich, “dass ich als Deutsche erleben darf, wie das wirklich ist.”
Er ist Bildhauer, keine Rede von der Kunst, sagt er, seit ich auf diesem Refugee-Trip bin. Wie ich, seit ich jenes Kunstwerk angefangen habe, sagt er sich von Jahr zu Jahr: wenn ich durch bin, konzentriere ich mich endlich wieder darauf.

Mein Sohn hat sich so gründlich, wie es hier möglich ist, in die Regeln vertieft , er versucht, auf Englisch, Französisch oder Deutsch, so konzentriert, wie es geht im Gewühl, anderen mit Diskussion und Nachfragen und Rat beizustehen. Als Mamadou abgelehnt wird, geht er mit ihm nochmal zu seinem Anwalt, was nicht vorgesehen ist.“ Il n’y a aucune chance. » sagt der indigniert. Mamadou weint. Wenigstens erreicht David, dass ein formaler Einspruch eingelegt wird, wenngleich auf persönlicher Basis, d. h. der Anwalt unterzeichnet nicht mit, d. h. das Flüchtlingswerk unterstützt Mamadou nicht. Er wird, wie alle Abgelehnten, schlicht vor die Tür gesetzt werden, in die flache, jetzt winterlich-eiskalte Landschaft, nicht weit vom Grab des erstgeborenen Van Gogh, der genau ein Jahr vor Vincent kam und gleich wieder ging.

Am Abend sehe ich das Gesicht, bereits unterdrückt schadenfroh. Sie hat sich schon vorab mit den männlichen Kollegen vom Dienst verbündet. Der, den ich immer ganz nett fand, den mein Sohn und ich “Kerkeling” nennen, weil er dem deutschen Humor-Entertainer so ähnlich sieht, Ländergrenzen sind ja keine genetischen Grenzen, der originale Kerkeling stammt bloß von der anderen Seite der Grenze (und hat glänzend Königin Beatrix imitiert, so, dass man dort, wo sie erwartet wurde, im ersten Moment drauf reinfiel. Diese übrigens, danach gefragt, hat dem Vernehmen nach geantwortet, dass das eine sehr professionelle Darstellung gewesen ist, die sie deswegen schätzt, wie alle gute Arbeit.), “Kerkeling ”also kommt überraschend heute Abend mit vor den Frauenschlafsaal. Ich habe inzwischen fast vergessen, woraus die provokatorische Substanz eigentlich bestand, es lief jedenfalls darauf hinaus, dass alle Frauen, mit und ohne Kinder, sich in einen Schlafsaal pferchen sollten. Als sie zögerten, als die ersten mich, die ich im Stuhl halb schlief und noch gar nichts mitgekriegt hatte, ansahen und ich fragte: Was ist los? trat Kerkeling in Aktion: “Unsere Deutsche natürlich!” rief er… “Sie haben ja neulich schon unserer Kollegin solche Schwierigkeiten gemacht… Und was Sie über die gesagt haben… so was machen unsere Kollegen nie usw.“ Ich will nicht, ich habe mir vorgenommen… Aber die Frauen weigern sich jetzt, in den Schlafsaal zu gehen.
Zuletzt werden sie gezwungen, es ist eng für alle, der Platz reicht nur zur Not. Kerkeling und das Mädchen gehen grinsend auf den Hof eine rauchen, um ihren Triumph auszukosten. Ich sage nichts, ich stelle mich bloß dazu, wogegen sie schlecht was machen können, ich will nicht, dass sie sich ungestört süffisant ihres “Sieges” über die Flüchtlinge freuen.
Zurück im Saal ist es zu spät für mich, eine Decke zu nehmen. Ich finde das einzige freie Bett oben, und da ich nicht oben schlafen kann, lege ich die Matratze auf den Boden und mich zum Schlafen zurecht, ohne Decke. Im Einschlafen sehe und spüre ich noch, wie die Vietnamesin ihr Laken auf mich legt, dann kommt eine Aserbeidschanerin, mit der ich noch nie geredet habe. Sie teilt jetzt eine Decke mit ihrer Tochter, die andere bringt sie und deckt mich zu.

Herr Suiker ist sehr in Ordnung. “Wir haben ein Netzwerk vom Flüchtlingswerk aus,” sagt er, “um die bis zur Verhandlung zu beherbergen, die Berufung eingelegt haben (In Amsterdam hingegen werden die invariablement zur Leger des Heils geschickt, von der man überdies weiß, dass sie fast immer überfüllt ist). Aber in Familien ist jetzt kein Platz frei, und bei den katholischen Schwestern wäre es für Sie wohl unpassend… Ich gebe Ihnen daher ein Minimum an Geld für eine Unterkunft..” Das löst später beim FW in Amsterdam blankes Entsetzen aus: Geld!!? Hat er uns gegeben!

Von nun an folgen wir wieder, ohne es zu ahnen, Vincent van Gogh. Herr Suiker fährt uns zum Bahnhof von Etten-Leur, wo Van Goghs Vater auch Dominee ( protestantischer Pastor) war, wo Vincent gezeichnet hat. Herr Suiker nimmt auf unsere Bitte auch den abgelehnten Mamadou mit, was nicht in den Regeln ist. Beim Umsteigen in Breda nehmen wir drei leichtsinnig vom wenigen Geld etwas weg und setzen uns ins Bahnhofscafé, wo wir uns wie Fremde fühlen, die, nach dem Aufenthalt in Rijsbergen in der Freiheit einen absoluten Kulturschock erleiden. Man kann also einfach so an so einem Tisch sitzen, Cola bestellen..

In der Bahnhofshalle springen uns zwei Russen entgegen, die schon ziemlich schlecht aussehen. Sie sind schon vor zwei Tagen abgelehnt worden. Sie wollen nach Den Haag, illegal arbeiten. Etwas eigenes Geld haben sie, verstehen aber nicht recht auf den Fahrplänen, wie sie nach Den Haag kommen, “Kasimov!” wie aus einem Mund in der Bahnhofshalle. Auch er ist abgelehnt worden. Scheinbar nicht so arm wie viele andere, mit gutem Gepäck, mit einem Papier aus Rijsbergen versehen, auf dem steht, dass er wahrscheinlich wirklich der ist, der zu sein er sagt, und dass er in den westlichen Ländern nicht arbeiten darf, will er durch Belgien nach Frankreich.

Wo wollen wir eigentlich hin? In Amsterdam sucht David die Guineanische Paroisse, die abgelehnten Guineanern drei Tage Aufenthalt in der christlichen Jugendherberge gibt, mittels eines Garantiebriefs. Wir bringen Mamadou dorthin. Warum sollen wir nicht auch hier übernachten?

Baarndesteeg, genau in dem Anwesen, wie ich später lesen werde, wo Vincent, als er noch Pfarrer werden wollte, bei einem geistlichen Onkel eine Weile das Latinum und Graecum vorzubereiten versuchte. Genau da wieder, wo Vincent…

Denken van wie ons ontsnapt.

 

Wiltrud Weber.

 

Anhang:

1) “Mir ist die Erinnerung an früher gekommen… wie wir manchmal in den letzten Februartagen mit Pa nach RIJSBERGEN gewandert sind usw., die Moorlerchen gehört haben über den schwarzen Äckern und dem jungen, grünen Korn, die glitzernde, blaue Luft mit weißen Wolken darüber- und den Steinweg mit den Buchen… O Jerusalem, Jerusalem! Oder lieber: O Zundert! O Zundert!”

2) “Sie sollten sich bei der Religion in Vergessenheit bringen…”

3) “Quoi”… Angewohnheit am Ende eines Satzes. Kann z. B. “eben” heißen, oder “So ist das nun mal.”

4) “Ich interessier’ mich nun mal zu sehr für Fußball.”

5) “Der ist ein Stoffel.”

6) “Das ist der, der betet.”

7) “Ich bin dagegen, alles in allem.”

8) “Du kannst mich immer um welche bitten…”

9) “Sie sind eine Mutter wie eine wahre afrikanische Mutter. Sie haben ihn, diesen Respekt, der für uns Afrikaner die Basis für alles ist…”

10) “Das kann man essen.”

11) etwa: Das Undenkbare denken

12) “Sie haben mir Photografien von Schiffen gezeigt…”

13) “Ihr haltet uns für A…”

14) “Es gibt nicht die geringste Chance…”

 

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