Vor St.Georgen und danach

Sitzstreik vor St. Georgen, Frankfurt, Aufbruch nach Frankreich, Beschreibung verschiedener dramatischer Situationen in unserer Geschichte.

Wie sie wieder mit dem Hund kamen, wie sie mich erspähten, während ich sie nicht kommen sah, weil ich auf dem Sprung war, noch schnell diagonal zurück durch die ziemlich von Menschen wimmelnde Halle zu den Waschräumen strebte, David sie aber sah, doch umso mehr Entschiedenheit zeigte, wie er da im Ausgang stand, bereit zum Aufbruch, wurden sie unsicher: mich hatten sie wohl erkannt, David aber musste nach Meinung gerade dieses Gespanns wohl auf jeden Fall im Gefängnis sein. Wir entsprachen so zu wenig ihrem internen Steckbrief; sie ließen ab – im allerletzten Moment, sagte David, wie ich ahnungslos und unbehelligt zurückkam. Nicht, dass ich mir hätte etwas zuschulden kommen lassen, nicht, dass jemand mir verboten hätte, im Flughafen einkaufen zu gehen, Kaffee zu trinken. Aber wenn die Securities einmal auf einen angesetzt sind, können sie machen, was sie wollen, das war wohl auch die Absicht der Polizistin gewesen.
Wir gingen die paar Schritte bis zu dem Auto, das wie vereinbart zu dieser Uhrzeit vor diesem Ausgang des Airports bereitstand; begrüßten den Fahrer, hievten die zwei Koffer: einen großen, einen so kleinen, dass selbst ich ihn tragen kann, vom Gepäckwagen in den Kofferraum und fuhren ab.
Auch in dieser vergangenen Nacht noch der Sitzstreik-Platz, vor der fast endlos erscheinenden Mauer, wir nahe dem geschlossenen Tor. Die Mauer hatte selbst im Sommer eine nicht besiegbare Kälte abgestrahlt; sehr frierend, zitternd, habe ich mich auf den großen Koffer gesetzt, war vor Erschöpfung immer wieder mehr weggekippt als eingeschlafen, während David fast gar nicht geschlafen, sondern Wache gestanden hatte – wie meistens.
Einige Stunden nach der Abfahrt, in der Raststätte, an Jeanne d’Arcs Geburtshaus in Domremy schon vorbei, an De Gaulles Colombey-les-deux-Eglises noch nicht, konnte ich meine Bestellung nicht zu Ende sprechen, aber man hatte schon verstanden: zwei große Becher Kaffee; einen au lait , ich bringe sie Ihnen an einen Tisch, sagte die Frau am Tresen freundlich, angesichts meiner erfolglosen Bemühungen, die für mich selbst unerwarteten Tränen zu unterdrücken.

Il y eut un soir Es ward Abend
Il y eut un matin Es ward Morgen
et Dieu vit und Gott sah,
que cela était bon dass es gut war

Vom Bett aus sehe ich beim Aufwachen, zuerst noch dunkel, beinahe den ganzen Ausschnitt des Fensters ausgefüllt mit Zweigen, die am Anfang über und über weiße Blüten trugen, jetzt sehr viele grüne Blättchen. Ganz langsam sehe ich den vollen Morgen kommen. Dann stehe ich auf, mache Kaffee in der Küche, backe ein pain au chocolat auf, ehrlich gesagt, öfter auch zwei. Ich frühstücke so, trete vor’s Haus, in den Garten, der Schnittlauch steht schon sehr schön hoch. Man muss die Fensterläden feststellen, sagt der Hausmeister, sonst schlagen die nachher hin und her. Il va y avoir de l’orage.( Es gibt ein Unwetter, oder Gewitter) Ich gehe die Läden bei uns feststellen und bin einstweilen im Frieden.

In der Nacht, als David festgenommen wurde, hatten wir uns eher zögerlich entschlossen, in der Kolonie zu schlafen, statt auf den Liegestühlen: R a i l and F l y, ein weiter, hoher Raum, sehr kalt, aber leidlich dunkel und still, wo, wer vor einigen Jahren vorbeikam, nach Schließung der Desks am späten Abend viele obdachlose Menschen zum Schlafen vorfand, daher nennen wir den Ort: Kolonie.
In dieser Nacht hat mein Instinkt versagt, zuerst, als ich um 2, es hängt dort eine große Uhr, der Blick geht fast automatisch dorthin, ohne ersichtlichen Grund abrupt aufwachte, warum? Einen Augenblick dachte ich, David zu wecken, der mir gegenüber schlief. Aber nur so auf ein Gefühl hin? Ich unterließ es. Nicht sehr lang danach rannte einer in einem martialisch anmutenden Overall schräg nach hinten. Thorsten, der Stuhlreihenrücken an Stuhlreihenrücken neben mir schlief, ging rasch weg. Das verwunderte mich mehr, als es mich erschreckte: warum steht der um 3 so eilig auf?
Thorsten, hat mir die Frau aus der Ex-DDR erzählt, schläft seit dem Tod seiner Mutter normalerweise im 24 Stunden geöffneten Spielcasino in der Stadt. Thorsten, der tagein, tagaus sehr ernst und diszipliniert und sauber alle Abfallbehälter im ganzen Flughafen abläuft, Flaschen sammelt. Den jagen sie jetzt auch, hat die Frau erzählt, alles ist schärfer geworden. Ich erzähle ihr, dass der Airport einen neuen Vorstandsvorsitzenden hat, kommentiere, dass heutzutage meistens das Menschliche schlimmer wird mit dem Nachrücken der nächsten Generation: die Jüngeren wissen nicht, warum sie in Dingen, wo es nicht direkt um’s Geld geht, Augenmaß walten lassen sollten, oder gegenüber Leuten, die sich sowieso nicht wehren können, egal, wie man sie behandelt. Wie bei Bruder Wendelin, sagt sie. Bruder Wendelin? Er hatte die Leitung des Obdachlosenfrühstücks in seinem Kloster, morgens um 7 Uhr. Bei Kälte hat er immer schon um 6 die Tür aufgemacht, da konnten sich die Menschen schon etwas aufwärmen, in den hinteren Bänken der Kirche auch ein bisschen schlafen. Bruder Wendelin ist gestorben. Der Nachfolger macht Punkt 7 auf. Wollen sich welche in den Kirchenbänken aufhalten, müssen sie mitmachen beim Gottesdienst: aufstehen,, niedersitzen, wieder aufstehen und alles.
In dieser Nacht hat mich selbst, dass Thorsten so rasch aufstand, entfloh, nicht aufgerüttelt. Obwohl es außerdem wahr ist, dass David im Moment eher abenteuerlich aussieht, mit seiner schwarzen Winterpopeline-Jacke, seiner sehr dunkelblauen, aber schwarz wirkenden Mütze, die ganz eng anliegt. Im Gefängnis werden die (als solche untadeligen) Kameraden ihn und den Versicherungsmann, der fast noch hanebüchener eingekerkert ist als er, schnell neidlos ausmachen: “Ihr zwei gehört ja nicht so richtig hierher…” “Aber,” meint einer lustig- bedenklich mit Blick auf David, während sie alle, mit Handschellen gefesselt, im Polizeiauto zu einem anderen Standort transportiert werden:” Mit d e r Mütze gehst du allerdings schon fast in die Richtung…” In einem Flughafen kommt aber alles auf ein unauffälliges Outfit an, will man nicht gefragt werden, ob man ein Ticket hat. Aber wieder will ich ich mich, mit Blick auf den fest Schlafenden, der selten ausgestreckt ruhen darf beim Sitzstreik, selbst einlullen.
Die Polizisten kommen laut zu dritt, um 4 Uhr. Warum dieses polternde Räuber- und Gendarm-Auftreten? Nachher hören wir aus ihren Gesprächen, dass sie anscheinend eine bestimmte, als kriminell geltende Person gesucht haben. Was wir hier machen? Als David schließlich wach ist, streckt er genervt dem Scharfmacher unter ihnen den Ausweis hin, das wäre vielleicht zu vermeiden gewesen. Der entfernt sich einige Schritte und „piept ihn an”. Zweiundfünfzig Jahre hatte ich gelebt, ohne diesen Ausdruck zu kennen, den Vorgang. Ich musste erst den Versuch machen,mich gegen die Kirche zu wehren, um den Staat näher kennenzulernen, in dem die Kirche, wie sie es sagen, die Werte vertritt.
Der Scharfmacher kommt länger nicht zurück, während wir schweigend dasitzen, die anderen Polizisten daneben stehen. Dann triumphierend: So, Herr … – Sie sind verhaftet! Jetzt hat er doch noch einen Schwerverbrecher gefasst: Haftbefehl wegen Erschleichung von Leistung.

Priesterkinder… es gibt sie nicht. Es darf sie nicht geben… wie auch der Moderator die Fernsehsendung einführte, wo wir sprachen, wo David heftig die Klingen kreuzte mit dem einzigen Bischof, der sich öffentlich zum Thema äußern darf, ja muss, alle anderen haben strikt einen Maulkorb. Hundertfach titeln Journalisten süffisant: Verbotene Kinder! Nicht alle sterben daran, dass die Kirche den Daumen gesenkt hat, aber doch viele mehr, als viele denken, nicht wenige schon im Mutterleib.
Mit vielen hundert Menschen am Sitzstreikplatz besprochen, immer wieder berichtet, kommentiert. Immer wieder gegen die Klischees angegangen, die Vorurteile. Auch die Beleidigungen einer drittklassigen Klientel ausgehalten, die auch in St. Georgen ein und aus ging: die Alte, die dazwischen schreit, wenn wir mit anderen reden:“ Der hat nichts gelernt! Der steht nur ‘rum!“ – Über David. Der von uns so genannte „Mit-und-ohne-Helm“ (auf dem Fahrrad mal so, mal so) mit dem verkniffenen Mund, zu mir, wutentbrannt: “ Lesen Sie lieber im Altersheim vor, dann tun Sie wenigstens was Nützliches!“ Und Schlimmeres. Erstaunlich auch die gut angezogenen, zurechtgemachten älteren Damen in teuren Autos, die am Sonntag zu den Jesuiten in die Messe fahren und ganz ordinär die Hand flach vor der Stirn hin- und herbewegen, das Zeichen für „bescheuert“. Man könnte allerlei Psychologisches, auch Psychoanalytisches, dazu sagen, oder einfach dies: Den Knochen, den man ihm hingeschmissen hat, gibt der Hund nicht freiwillig wieder her. Dass es eine Gruppe gibt, von der einmal gesagt worden ist, dass man einfach dumm, bösartig, frech von oben herab oder sonstwas sein darf, sie auch leichter übervorteilen kann als andere, wenn es einen ankommt, damit haben Katholiken den besten Teil erwählt. Der soll ihnen nicht genommen werden.
Willst du ihn eigentlich taufen lassen? hatte meine Mutter gefragt, als David einige Monate alt war. Damals habe ich nachdenklich geantwortet: Ich kann ihn doch nicht zu einem Masochisten machen wollen, der zu einer Gemeinschaft gehören soll, die ihm alles wegnehmen will. Da kannte ich unsere eigene Geschichte noch gar nicht wirklich, ich ahnte nur einiges. Heute würde ich es bündiger sagen: Ein wahnsinnig gemachter und ein ausgeraubter Elternteil sind genug. So etwas soll man um Gottes Willen nicht fortsetzen wollen.
Ausgeraubt wurde ich nach der Formel: Eine Frau bekommt das Kind, eine andere, die wir bestimmen, dessen Geld.
Auch ohne die Diskussionen, die Appelle: Ich wäre gar nicht auf die Idee gekommen, schwule Menschen zu verachten, wenn ich sie überhaupt als solche wahrgenommen hätte. Es ist aber wahr, dass, wenn in einer autoritär-hierarchischen Organisation wie der katholischen Kirche der strukturell schwule Aspekt überhand nimmt, die das Sagen haben, Heterosexualität gnadenlos abstrafen.Genitale Beziehung ist in dieser analen Phase der Menschheit wahrscheinlich unbewusst assoziiert mit dem unvermeidlichen Gang zur Toilette und, wenn nicht durch ein Papier legitimiert, mit dem unziemlichen Sich-Entleeren ausserhalb dieser. Was ist dann das Kind? Abfall, dessen man sich schämt. Mag einer aus ihrem vemeintlich frommen Männerbund, sogar von dessen Spitze, wie Peter, der den Orden in Australien geleitet hatte, international ziemlich hoch angesehen war, immer mal mit Frauen… wir sind alle Sünder. Aber eine Frau lieben,als wäre sie von Belang und mit ihr neues Leben zeugen! Die Sünde aller Sünden.
Ich habe sie verraten, dafür haben sie mich nicht allzu hart abgestraft, wird Peter 20 Jahre später zu seinem Sohn sagen, da ist er schon völlig entleert in einer in Adelaide freundlich- honorigen, bei uns entsetzlich starren Hülle, du kannst also nicht anders, sagten sie damals zu Peter. Dass du eine junge Frau heiraten wolltest und mit ihr einen Sohn gezeugt hast, wollen wir jetzt vergessen. Aber du wirst machen, was du nicht lassen kannst mit einer ehrbaren älteren Witwe, bei der und ihren vier Kindern du wohnen wirst… und schlafen. Du wirst sie heiraten.
Peter, auch Jurist, das war er schon, bevor er bei den Jesuiten eintrat, unterschrieb alles, was man ihm vorlegte, als er fertig war, auch, was gegen die Gesetze ist, in Australien, in Deutschland: die klassische, schwere Unterhaltshinterziehung: Geld wird weggeschafft, umverteilt zum Zweck, es der berechtigten Person vorzuenthalten – durchgeführt mit Hilfe von Gehirnwäsche, die ist schon geschehen von langer Hand und muss nur aktiviert werden, und Zwangsverheiratung: Alles, was er noch verdienen würde, als Kanzleichef, als Dozent an der School of Law, zuletzt als Professor dort, wurde so verrechnet, dass es gerade für die Dienste der Witwe reichte. Er wurde pro forma aus dem Orden entlassen, das ist der relativ neueste Trick der katholischen Kirche, behaupten zu können, sie wisse von nichts, der Betreffende sei doch “ draußen”, während sie ihn nicht aus den Augen lässt. „Es geht ihm nicht allzu schlecht”, hat mir O’COLLINS, ein anderer australischer Jesuit,zu der Zeit Dekan an der Gregoriana, Jahre später widerwillig gesagt. Derselbe übrigens, der mir sagte: ” Sie werden nicht herauskriegen, was Sie herauskriegen wollen,” und als er ahnte, , dass ich das öffentlich sagen werde, sagte er: “Die Welt wird es nicht wissen wollen!” Die 18.000 Dollar waren sofort mit weg. Peters Mutter hatte den Betrag auf eine Weise festgelegt, dass er nicht an ihn heran konnte, solange er offiziell Jesuit war, sonst wäre ja alles, wie üblich, dem Orden zugefallen. Vielleicht hatte sie an Enkel gedacht, wenn er doch einmal aus dem Orden… also auch direkt Davids Geld. Peter und ich hatten einmal überlegt, dass die Summe eine gute kleine Hilfe wäre für den Anfang. Aber das materielle Zeichen für das Sakrament des Betrugs ist stets kompaktes Geld. Also her damit!
Unmittelbar danach waren noch Reste der Person da: ein Aufwallen, als er mir in Panik schrieb: I am married… four children… I have no money. Eine ältere australische Hausfrau als Aufpasserin, schlich er sich doch noch 4 Jahre nach Antritt der Buße heimlich zum deutschen Konsulat, um seine Vaterschaft amtlich zu machen, in einem Dokument, aus dem der lebenslange Jesuit verschwunden war, als hätte er nie exisitert, statt seiner ein alter Ehemann auftaucht, Rentner… arm. Er schrieb dazu einen enorm depressiven Brief: wenigstens das bin ich euch schuldig… Auch schickte er 1000 Dollar mit, so kommentiert: Verwandte hatten ihm 1.000 Dollar zur ganz persönlichen Verwendung geschenkt. Den Sinn dieser Präzisierung habe ich damals erst nicht verstanden. Er hatte bindend versprochen, nie verdientes, ererbtes …Geld dem eigenen Kind zu geben.
Die wollten uns töten. Die konnten ja wohl nicht wissen, dass ich ursprünglich nicht aus der Hauptsekte war, also gar nicht, Gott sei Dank, als es entscheidend im Leben darauf ankam. Tief drin in der Hauptsekte, umgeben von Eltern und Verwandten, die zu ihr gehört hätten, hätte ich mit dem Baby vor Schock sterben können. Statt dessen haben wir uns ” Leistung erschlichen”: das Leben. Nicht ohne Sorgen, denn so ein Raub bleibt nicht ohne Folgen, aber doch fröhlich und zufrieden miteinander bis –

“Verabschieden Sie sich”, befiehlt der Wortführer in der Kolonie.” Ich komme mit”, entgegne ich. Die kleine Prozession zieht durch die nächtlich stillen Hallen, zu einer der fünfundzwanzig Wachen im Airport, wie mir der ältere Polizist , der mit mir den Schluss bildet, stolz auf die Anzahl, erzählt.Nur ein paar türkische Putzer blicken verwundert auf und nach.
„Das machen wir hier,” erklären wir denen auf der Wache. „Wir stehen im Prinzip Tag und Nacht vor der Jesuitenhochschule und protestieren gegen den Internationalen Orden. Wenn wir zwischendurch zu erschöpft sind, schlafen wir im Hotel, da das natürlich zu teuer wäre, würdeman es immer machen , auch im Flughafen.” „Eigentlich geht es nur darum;” hat David dieser Tage trocken mit Blick auf das Jesuitenhaus gesagt: „kriege ich die zuerst, oder kriegen die mich zuerst.” „Wir haben da natürlich einen mächtigen, hartgesottenen Gegner,” erklären wir den Polizisten auf der Wache. Das ist nicht so einfach. Wie Sie sehen, waren wir nicht schnell genug. “ David ist sehr ernst und ruhig. Wir wissen ja aus jahrelangem Erleben, – und wie oft beinahe Sterben! – dass Kirche immer wieder das Lamm Gottes auswählen muss, dem sie ihre Widersprüche, ihre Lügen aufbürden können, und wie das auch mit Hilfe des „weltlichen Arms“ gemacht wird wie eh und je beim Rauben, Foltern und Brennen, jetzt nur auf modern-angepasste Art. Wer kennt noch Soeur Sourire, die „lächelnde junge Nonne“, die in den sechziger Jahren auf dem Musikmarkt erschien und einige Hits landete, besonders “Dominique”, das sogar zeitweilig in der Hit-Liste über den Beatles stand, eine zeitlang auf jedem Sender, auf Platten und in vieler Munde war
Dominique, Dominique s’en allait tout simplement…
Geht so fröhlich durch die Welt zu Fuss und ohne Geld
Und er sang an jedem Ort Immer wieder Gottes Wort…
Sie muss ihrem Dominikanerinnen-Kloster riesige Summen verdient haben, nach Schätzungen 2,5 Millionen. Alle Rechte, auch auf ihren Künstlernamen, den sie selbst albern fand, kamen dem Kloster zu. Im Gefolge verschiedener äußerer und innerer Auseinandersetzungen verließ sie ihr Kloster und lebte dann zusammen mit ihrer Freundin aus Studienzeiten. Ihr Erfolg mit weiteren Platten war gering, aber sie konnte einigermaßen leben, bis der belgische Fiskus horrende Steuernachforderungen an sie richtete;es war der Orden der Millionen verdient hatte, aber sie, jetzt als Privatperson, sollte nun die enormen Steuern für ihre Erfolge zahlen. … Unter dem steigenden, gnadenlosen Druck des Staates wussten die beiden Frauen keinen Ausweg mehr, sie nahmen sich gemeinsam das Leben.
Davids und meine Haltung machen sichtlich Eindruck auf die Männer. (Nicht jeder ist so primitiv wie der später Hinzukommende aus dem Stadtteil neben unserem Aktionsplatz, wo es einige nette und gute Leute gibt und wie es aussieht überdurchschnittlich viele Tumbe. Der redet etwas zu dem Kollegen neben ihm, worauf der laut in den Raum sagt: „Auch die Priester haben dicke Eier“.) Als der Wortführer von draußen wieder anhebt, zu David: „Haben Sie Geld bei sich? Wieviel? In der Jacke da?“, und sich dahin bewegt, und ich widerspreche: „Das ist bloß ein Taschengeld, das gehört auch mir. Damit gehe ich jetzt erstmal Kaffee kaufen für meinen Sohn und mich. Wir sind ja vorhin aus dem Schlaf gerissen worden.”, erhebt niemand Einwände. “Und wie komme Ich hier wieder rein?” ” Ich begleite Sie,” sagt die Polizistin, die bis jetzt stumm dabeigestanden hat.
Dafür hat Gott mich zu einer Dichterin gemacht, auch als Dolmetscherin gehörte das immer mal dazu, dass ich manchmal das Schweigen lesen kann. Nachdem sie und ich abgeklärt haben, dass der McDo im Terminal 2, der die ganze Nacht auf hat, zu weit ist, gehen die Polizistin und ich ohne ein weiteres Wort in ihrem tobenden Schweigen nebeneinander hinunter in einen teureren Kaffeeladen, wo ich zwei Kaffee bestelle, einen kleinen Scherz des Verkäufers darüber, dass ich sage: einen mit Milch, das kann ich selber machen mit den Milchdöschen daneben, erwidere, wie wenn nichts wäre, zwei pains au chocolat dazu kaufe, dann steigen wir wieder zur Wache hinauf, während unter ihrer Stummheit der Sturm die Grundfesten umtost… die Wut… aber noch nicht an ihnen rüttelt.
Worum handelt es sich hier? Fünf Mal „schwarz” mit der Straßenbahn gefahren, in Düsseldorf vor fünf Jahren, macht 1.050 Euro, sofort zu begleichen, oder abzusitzen.
Nicht zufällig im Moment ,als es anfing, dass es immer mehr krass Arme gab, ist „Schwarzfahren” von der Ordnungswidrigkeit zur Straftat avanciert. Auch der Arme, gerade er, sie, muss ja in den großen Städten unbedingt manchmal zu einem Ziel, wohin er/sie nicht zu Fuß gehen kann, auch wenn vielleicht gerade nicht mehr als 73 cent noch in dem Plastikschälchen in der Küche sind. Erwischt, ohne Ticket, gar mehrmals, führt die S c h u l d, um das Hundertfache majoriert, wie hier bei David, in den S c h u l d t u r m, das war durch die Jahrhunderte so und nach dem relativ glücklichen Intervall von ein paar Jahrzehnten bringt der gegenwärtige humane Niedergang Europas das Schlimmste aus den Jahrhunderten wieder empor.
Zehn oder dreißig oder fünfzig Euro, berechnet nach seinem geschätzten Durchschnittseinkommen, sitzt der Gefangene pro Tag ab von der Strafe, der Ärmste, dessen Wert auf nur zehn pro Tag geschätzt wird, also drei- oder fünf Mal so lang wie die anderen, das hat noch keine Lobby moniert. Wer irgend kann, wird versuchen, mit den sehr begrenzten Möglichkeiten der Kommunikation im Gefängnis das restliche Geld aufzutreiben: Verwandte, Freunde, Bekannte, noch ein Rest eigenes Geld irgendwo? Wer nichts und niemanden mehr hat, der bleibt im Gefängnis, nach den Worten im Neuen Testament: bis er denn alles bezahlt habe. Lang bleiben ist außerdem riskant, da sie sich mit einem gewissen Realismus sagen, dass so einer wahrscheinlich noch öfter wohin fahren musste, als im Moment bekannt ist, suchen sie vielleicht, legen Gefundenes drauf. Dann erachten sie meist die direkte Präsenz eines Richters als unnötig , den ganzen Rest vom rechtsstaatlichen Brimborium, denn hier greift Grund für die U-Haft: ließe man die Leute laufen, bestünde Fluchtgefahr. Nicht jeder reagiert ja verzweifelt-lakonisch, wie der, der erzählt, dass er ihnen letztes Mal auf ihr Schreiben geantwortet hat: Ein- für allemal: ich habe das Geld nicht! Sperrt mich in Gottes Namen wieder ein! So können „Schwarzfahrer” jahrelang im „Knast” bleiben. Zu schön ist dieses Schuldturm-System, mit dem man den Armen aus dem Verkehr ziehen kann.

„Meine Aufgabe ist es hauptsächlich erst einmal, Leute in den Knast zu bringen,” hat die junge Staatsanwältin damals gesagt, verärgert über unser Ansinnen, nach dem Verbleib unserer Akte zu forschen, die einmal im richtigen Augenblick weg war, auch, damit nicht die Richtigen in den Knast kämen, womit erneut deutlich wurde, was schon vor langer Zeit eingefädelt war: unsere Klage gegen den Jesuitenorden langsam so zu drehen, dass irgendwann der “Richtige” in den Knast käme, David selbst.
David geht in den Schuldturm mit hinter dem Rücken gefesselten Händen.

“Wo seid ihr denn verfolgt?” fragt hämisch der eigentlich nette Gastgeber, nachdem er lang genug bearbeitet, rumgedreht worden ist. Das zum Beispiel, mein Lieber, ist Verfolgung: wenn dich ein halb wahnsinnig Gemachter auf Befehl einer mächtigen Organisation, die sich um nichts schert, ausraubt und du Klage beim Staatsanwalt führst, auf die hin nichts geschieht, höchstens wirst du verhöhnt,du dann doch versuchst, zu überleben in gnadenloser Härte und dabei manchmal kein Ticket kaufen kannst , dafür fünf Jahre später festgenommen wirst, auf Betreiben genau derselben Staatsanwaltschaft,die deine Anzeige in den Keller geschafft hat, während du genau vor der Institution protestierst, die schuld ist: das ist Verfolgung.

Wir staunen über die Fotos, die Zeitungsartikel, die in dieser französischen Stadt hier über viele Jahre sorgfältig aufbewahrt worden sind. Wie ich das Seminar dolmetschte, wie David im Hof daneben Fußball gespielt hat, für mich ohne Anstrengung zu sehen von meiner Simultankabine aus. Er spielte quasi die ganze WM nach, die kurz davor stattgefunden hatte. In den Pausen gingen die Männer vom Seminar zu ihm hinaus und spielten mit. Wie soll man mit so einem Kleinen richtig Fußball spielen? Er durfte Torwart sein „wie Dino Zoff”, und sie bemühten sich, zum Tor hin ziemlich sacht zu schießen. Die Zeitungsartikel und Fotos vom Empfang im Rathaus zeigen, dass er sich selbst dort nicht von seinem Ball getrennt hat… während mir immer wieder für meine Arbeit gedankt wird. Das alles hat während des Alptraums unseres Lebens ganz unschuldig hier gelegen.

Der ganze Betrug begann durch Kontakt zu implodieren, zu explodieren, als David 13 war, und hat eine Kettenreaktion ausgelöst, die bis heute nicht gestoppt werden konnte. Zuerst zahlte David seelisch, sozial, so hatte ihn die Hauptsekte doch noch eingeholt, mit der er null zu tun hatte, haben will. Ich zahlte finanziell. “ Tu das nicht,“ sagte Peter am Telefon zu mir. “Es bringt nichts, zu klagen, das Geld habe ich nicht. Aber ich will alles tun, was ich kann.“ Wir vereinbarten, etwas Geld schicken, und dass er David nach Australien in die Schule einladen würde als Teil seiner Unterhaltsverpflichtungen. Alles was Peter nun in einem sehr schuldbewussten Rest normalen Menschseins anfing – nein, nein, kaum in einem Gefühl von Schuld wegen seines Verrats, seiner Versäumnisse gegenüber dem eigenen Sohn, das war ein anderes – von weither, das war ihm aus dem Gehirn gewaschen worden, er hätte ihm keinen Namen mehr geben können, etwas von da her, wo Gott den Menschen als Mann und Frau und Vater und Mutter geschaffen hat, aber seine Organisation stellt sich zwischen Mensch und Gott. Er fühlte sich schuldig, weil er nun versuchte, sich wie ein Mensch zu verhalten: etwas Unterhalt zahlen wollte, David in die Schule nach Australien einlud, seine Reise zu uns, Davids Reisen zu ihm… Jedes Mal wurde Peter weggetaucht, genau beobachtet, mit einer geheimen Telefonnummer versehen, das Verhalten schritt fort zu einer kriminellen Betrügerei, und da er nun so viel weiter auf dem Weg zum zerstörten Katholiken vorangeschritten war, als zur Zeit seiner Vaterschaftsanerkennung, konnten ihm selbst seine persönlichen, von Verwandten geschenkten, 1.000 Dollar abgenommen werden, die er im Brief David mit vielen angstvollen Erläuterungen versprochen hatte; dieses Geld sei nicht verdient, nicht ererbt, wirklich nur sein persönliches… Auch dieser Erpressung hielt er nicht stand, das Geld war weg, als er kam, der von mir vorgestreckte Preis für sein Flugticket zu uns auch. Man hatte ihm ja eingehämmert,dass es sein Kind nicht geben durfte, hatte ihn ja schwören lassen, niemals dem eigenen Kind etwas zukommen zu lassen. Alles habe ich bezahlt. Ich zahlte und zahlte, bis ich nicht mehr konnte.
Die ganze Zeit während Peter an der Universität Adelaide unterrichtete, galt er in Rom offiziell als ” krank”. Ob man seiner Hausfrau das so gesagt hat: wenn du merkst, dass er wieder mit der Mutter seines Kindes und seinem Sohn Kontakt sucht, verständige uns: dann bricht seine Krankheit offensichtlich wieder aus. Als der Generalsekretär des Jesuitenordens noch eine kleine Hoffnung hatte, das alles los zu werden, schlug er vor, direkt mit den Australiern seines Ordens Kontakt aufzunehmen. Das tat David. Der Provinzial war beim ersten Wortim Bilde über die aktuelle Situation. Man muss es sich vorstellen: Peter hatte David in der High School in seiner Nähe angemeldet, ihm da ein Zimmer genommen, dann hätte er 40 Dollar in Australien für die Krankenversicherung hinterlegen müssen. Die kamen und kamen nicht. Einmal schellte, durch die Zeitverschiebung nachts, als David wartete, das Telefon, 2 Mal, dann legte jemand dort auf. David verzweifelte.
Der Generalsekretär des Jesuiten-Ordens war erst mit 16 katholisch geworden, etwa im selben Alter wie ich. Das heißt, dass v o r h e r etwas grundgelegt ist, ein scheinbar unscharfes Wissen, was man machen kann und was nicht, auch Anstand genannt, auch ein Wissen, womit man rechnen muss und womit normalerweise nicht, wenn man sich nicht gerade in ein kriminelles Milieu begibt. Darauf beruht ja eigentlich das menschliche Zusammenleben , das ja nicht ständig nach Sondervorschriften und juristischen Klauseln guckt. Und dieses Basiswissen verbindet sich bei solchen, die nicht in diesem System geboren sind, nicht früh mit den Interessen der Priester, mit denen die Kirche Menschen erziehen, aber auch knebeln will. Der Generalsekretär hat das vielleicht nicht vergessen, und er sieht es bei mir. Einen, der nicht heiraten wollen darf, deshalb mit einer fremden Alten verheiraten, deren Aufgabe es ist, seinem Kind Unterhalt und Erbe zu stehlen, solcher Abartigkeit gegenüber ist man sehr im Nachteil, wenn man nicht aus ihrer Mitte stammt; es dauert sehr lang, bis man sie sich überhaupt vorstellen kann.”Ich hätte nicht…” sagt Z.,” ich hätte gesagt, Sie beide sollen heiraten”. Er schlägt nach einigem zähen Ringen, es ist wahr! seinem höchsten Leitungsgremium in Rom vor, Davids gesamten Unterhalt von 0 bis 16 en bloc zu zahlen, um wenigstens die Schäden, die jetzt entstanden sind, zu kompensieren. Die Jesuitenkurie lehnte ab.
Wovon man zum Beispiel auch gewusst hätte, dass man es nicht machen kann, hätte man einen Rest menschlichen Fühlens gehabt, ist auch dieses (was die japanische Konvertitin in meinem Alter, die hier studiert, eine durchaus konventionellere Frau als ich es bin, mit mir erschauern lässt, als ich es ihr erzähle): Die Mutter des Kindes eines ziemlich prominenten Jesuiten, der an der Hochschule lebte und lehrte, wohnte, ich zeige es mit dem Finger: dort, praktisch schräg gegenüber dem Jesuitenhaus. Sie haben sie, wie üblich, das „Schweigepapier” unterschreiben lassen: monatlich eine kleine Zahlung; wenn sie irgendwo den Vater nennt, wird die Zahlung sofort eingestellt. „Bei uns”, erzählt die Frau, die damals das Restaurant mit ihrem Mann betrieb, das auch nur ein paar Häuser weiter ist, „haben sie sich gegenüber gesessen und sich hypnotisiert”, da war sie noch Studentin, und der Jesuit. „Die Frau hat immer mehr dichtgemacht,” erzählt ein netter ehemaliger Nachbar von ihr”, zuletzt konnte man sie nicht mal mehr so etwas fragen, wie ob das Fahrrad im Hausflur ihres ist und ob man es ein Stück weiterschieben darf, weil man etwas durch tragen muss.” Sie verstummte immer mehr.Sie kam in die Psychiatrie, als der Junge 13 war.
Es wäre grundlegende Untersuchungen wert, was eigentlich geschehen ist bei den angeblich nicht so selten seelisch kranken Müttern von Priesterkindern und den Kindern von Priestern selbst. Wahrscheinlich zeigten sie im Gegenteil nur normale Reaktionen angesichts des Irrsinns der Kirchenleute.

Nachdem die Jesuitenkurie sich wahrscheinlich gesagt hatte, dass es nicht ihre Aufgabe wäre, intelligent im Sinn des Ordens eingefädelten Betrug wiedergutzumachen, erstattete ich Strafanzeige gegen den Internationalen Orden.
Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf reagierte mit der Anwendung der Katholischen Scharia:(Bekanntlich bestimmt die islamische Scharia,dass eine Frau allein ein Vergehen nicht bezeugen kann) Wenn eine Frau, die ein Kind „von“ einem Ordensmann „hat“, sich dazu versteigt, gegen den Orden Klage führen zu wollen, werden wir den Teufel tun, überhaupt hinzusehen, worum es sich angeblich genau handelt. Sie redet Unsinn per Definition. „Nichts machen“ schrieb ein Vorgesetzter später in die Akte.
Ihr behauptet vielleicht irgendeinen Formfehler? Nicht richtig personalisiert den Internationalen Orden? Allez! Muss man Juristin sein, um sich von der Kirche betrügen lassen zu dürfen? Ich kann mir schon gut vorstellen, dass niemand Lust hat, sich mit der Spitze eines mächtigen Männerbundes anzulegen, zumal solche Compagnonnages, in der Regel aufgebaut wie eine Pyramide, zur Spitze hin immer hermetischer werden. Schlimmer noch: oft ragt die Spitze in die Basis einer darüberstehenden Pyramide hinein, die im Prinzip erst einmal unbekannt ist. Da ist es schon leichter und schöner den Klageführer, den eigenen Bürger fertigmachen zu lassen und, wenn möglich, zu kriminalisieren. Aber wenn es je eine Chance gab, durch vielleicht die bloße Ankündigung von Ermittlungen eine Entschädigung von einer Organisation der katholischen Kirche zu erhalten, dann in diesem Moment. Es war noch der Generalsekretär im Amt, der uns wenigstens die Summe geben hatte wollen, wie beschrieben, wir saßen offiziell und gut toleriert mit vielen Besuchern und Diskussionen vor dem Verfassungsgericht mit Wissen der Präsidentin; selbst der beamtete Direktor des Gerichts, der sich uns als „praktizierender Katholik“ vorgestellt hatte, ließ durchblicken, dass er es gern gehabt hätte, dass „Rom zahlt und Schluss“. Wir kündigten an, öffentlich einen Beginn einer Verfassungsklage „hinein“ zu geben, vereinfacht des Inhalts: es muss möglich sein, gegen einen katholischen Orden zu ermitteln.
Die in Düsseldorf bestellte Akte mit unserer Klage kam nicht an bei der Kriminalpolizei in Karlsruhe, wie vereinbart, „Rom“ zahlte nicht, man sah dem Direktor an, dass er sich immer mehr ärgerte und überlegte, wie er uns loswerden könnte. Am Tag, als wir ihn Stockschirm schwingend zum Freiluft-Schach schreiten sahen, ein Stück links hinter unserem Aktionsplatz im selben kleinen Park gegenüber dem Gericht, einige Schachzüge machen und beschwingt zurückkommen, sagte ich zu David: Jetzt ist ihm gekommen, wie er es machen muss. Nicht lang danach mussten wir weg. Zwei, drei Tage danach kam der UNO-Beauftragte für Religionsangelegenheiten zu Besuch zum Gericht und konnte sich überzeugen, dass alles in Ordnung ist mit der Religion und ihrem Verhältnis zu den Bürgern in Deutschland.
Es gab auch durch die Jahrhunderte immer eine Verfolgung der Juden, selbst außerhalb, „unterhalb“ des Schlimmsten, Unvergleichbaren, die sich immer wieder „bewährt“ hatte, um ihnen das Leben so schwer wie möglich zu machen: das war auch bei uns die Reaktion, die wir zum Abschied von Karlsruhe und später immer mal wieder auch erfuhren: Du beklagst dich, dass man dein Haus niedergebrannt hat? Tja, schade, aber das kommt eben vor gegenüber deinesgleichen “ Ich habe grosse Angst, dass ich mein Haus verliere!” der Aufschrei einer Mutter eines Priesterkindes in den Vereinigten Staaten auf der Website childrenofpriests. Nur David hat ihr geschrieben, wie leid es ihm tut, und dass er zu weit weg ist und selbst mit seiner Mutter immer wieder wie ein Gejagter lebt. Niemand sonst sagte ein Wort.
„Du insistierst?!” gaben sie uns zu verstehen. -” Jetzt hau ab, sonst können wir auch noch anders.“ Die haben uns praktisch auf Wunsch der katholischen Kirche vogelfrei erklärt.

Zuerst hat uns die Jugendherberge Montagne Verte in Straßburg von Mitte November bis Weihnachten 1997 auf die Fürsprache der Leiterin des Maison des Associations umsonst beherbergt und dann folgte, was auch der genannten Gruppe immer wieder abverlangt wurde: zahlen und immer wieder zahlen, das Recht auf Leben bezahlen. Gott sei Dank schickte die Schwester meiner Mutter sehr lange Zeit immer wieder Geld, natürlich ging das nicht in rauhen Mengen, aber meistens war es für den Moment die dringend notwendige Hilfe.
Wenn Kirche einmal gar nicht anders kann, als etwas zuzugeben, wie jetzt beim Missbrauch, versucht sie, den Blick auf die Opfer engzuführen, sie will den Opfern die oft lebenslänglich an katastrophalen Folgen leiden, angeblich „helfen“, was diese noch einmal beleidigt. Nicht selten gelingt es Kirche, sich, im Verlauf solcher Rumrederei, selbst zu bemitleiden. ” Wenn das alles herauskommt, sagte der Kardinal , der mir ansonsten immer sympathisch war, über die Missbrauchsskandale, “erschüttert es die deutsche Kirche”. Es erschüttert aber vor allem die Opfer. Ein Jesuit, der so jesuitisch war, wie man es ihnen früher nachsagte, die schlimme Sache so drehte, dass er einen Triumph gerade daraus machte, dass man, eher notgedrungen, tatsächlich die schlimmsten Übergriffe zugab, schaffte es, sich öffentlich aufzuregen, wie viel Geld man von ihnen wollte! Armer Orden! Aber eine chaotisch gemachte , schwer belastete Situation ruft auch ganz unerwartete Folgen hervor, denn unverfolgte Menschen wittern da Belastungen, die sie nutzen können. David arbeitete später in der Cité von Carcassonne als Fremdenführer in Deutsch und Englisch, sehr gern, sehr viel und sehr gut. Am Anfang hatte er seinen Pass nicht da, so etwas ist in Frankreich, wo derÖffentliche Dienst so überhandgenommen hat, dass Formalitäten immer mehr zum einzig wichtigen werden, er musste eine Zwangspause einlegen, um seinen erneuerten Pass zu holen… usw.usw. Bei den von ihm geführten Gruppen waren dann auch israelische Ex-Generäle. Als aus Israel angerufen wurde, dass man beim nächsten Besuch mit einer Gruppe auf jeden Fall wieder David als Führer haben wollte, wurde er gekündigt. Das geht zu weit, dass so ein Hergelaufener hier so prominent wird. Das ist allerdings noch eines der harmloseren Beispiele für das, was alles geschehen kann, wenn Menschen spüren, dass einer n in seinem eigenen Land nicht zu seinem Recht kommt, nah am Abgrund lebt.
Dieselbe Staatsanwaltschaft in Düsseldorf, die „Nichts machen“ vorschrieb, die Akte mit der Strafanzeige in den Keller absacken ließ, als sie aus Karlsruhe zurückkam, wo sie erst eintrudelte, oder jedenfalls vorher nicht herausgegeben wurde, nachdem man es geschafft hatte, uns wegzuschicken, später eine junge Staatsanwältin ein paar Beleidigungen hinzufügen ließ, forschte jahrelang mit großem Aufwand nach David, wie nach einem gemeingefährlichen Verbrecher, auch in Holland, wo sie eine Adresse hatten, weil dahin die verärgerte Staatsanwältin einen Brief geschickt hatte, mit der Botschaft: was ihr klagt, lesen wir nicht, wir sagen einfach irgendwas, und Du, David, kommst mir verdächtig vor. (Aber so sind die Holländer nun auch wieder nicht, dass sie mitgeholfen hätten, nach einem zu fahnden, der schon einmal bei ihnen um Asyl hatte bitten müssen) und erließ Haftbefehl, nachdem dem rechtsstaatlichen Rest angeblich Genüge getan war, dass er gesehen hätte, was gegen ihn vorlag in einem Studentenwohnheim, wo er von einem Kommilitonen für eine Woche ein Zimmer untergemietet hatte, vor längerer Zeit, und der Portier keinen Überblick hatte, wer alles im Haus wohnte, mithin das Schreiben fälschlich nicht zurückkgehen ließ. David war allerdings keineswegs dort, denn er stand da schon längst vor der Jesuitenhochschule St. Georgen in Frankfurt, um unter Einsatz seines – und meines – Lebens einmal mehr zu versuchen, selbst den Verursacher dazu zu bringen, solche Verbrechen wie „Schwarzfahren“ im Gefolge einer wahnsinnigen Situation aufgrund eines echten Verbrechens zu bezahlen.”Ob sie in Düsseldorf ein Fläschchen Sekt aufgemacht haben als sie gegen David etwas gefunden hatten?” fragten wir Anwälte, die wir kennen. Das wollten wir alle nicht ausschliessen.

Sofort am Morgen nach Davids Verhaftung rufe ich unseren besten Freund an. Im Allgemeinen müssen wir damit rechnen, dass Freunde, oder solche die es werden wollen, nach einer Zeit abspringen: Schon das Zusehen macht verrückt in dieser Geschichte, bei diesemTabu- Thema. Dieser aber, der einmal den schönen Satz sagt: Ich will wenigstens der Stuhl sein, wo ihr euch ab und zu anlehnen könnt, ist gleich zur Stelle. David konnte jemanden benachrichtigen lassen aus dem Gefängnis und gab ihn an. Ich rufe ihn von einer Telefonsäule an der S-Bahn-Haltestelle Stadion an, im Schneesturm. Er ruft mich auf meinem alten Handy zurück, das auch er einmal geschickt hat, während zu mir in den Tunnel unter der S-Bahn die Eiskörner hereingefegt werden. Aber wir sprechen auch an ruhigeren Orten.
Von unseren beiden jungen Anwälten, die wir noch gar nicht bezahlen konnten, geht einer gleich am nächsten Tag zu David nach Preungesheim. Er berichtet, David hat dort einen eventuellen Hungerstreik erörtert, natürlich nicht, weil es im Knast nicht so schön ist, sondern wegen des Gesamtzusammenhangs. Er ist sofort mit „Bunker“ bedroht worden, eine Art Gummizelle, Tag und Nacht unter Videoaufsicht, mit „Beruhigungsspritzen“ (Er ist allerdings bestimmt kein bisschen unruhig, in solchen Fällen kommt er, wie schon eine Waldorflehrerin bei einem kleinen Test festgestellt hat, als er sieben war, „vom Kopfe her“.) Aber Spritzen werden sein, meint unser Freund, damit derjenige zum Zombie wird, den man in die Psychiatrie abschieben kann. Ich informiere den Gefängnisdirektor per Fax, dass ich davon den Bundestagsabgeordneten benachrichtigt habe, der im Menschenrechtsausschuss ist, dem wir nicht völlig unbekannt sind, er hat schon voriges Jahr auf unserer Website für Menschenrechte für Priesterkinder unterschrieben. Ich möchte, dass er mit dem Anwalt und mir den Fortgang beobachtet. Dabei habe ich große Angst.
Der Freund und ich zählen jeden Tag am Telefon Geld: noch 960.-, noch 870.-,das wären noch 4 Wochen Gefängnis, dann drei… usw. Die endlose Mauer in Preungesheim, eine Entsprechung zur Mauer vor St. Georgen. Ich streite mich mit dem Beamten herum, der die Besuche vergibt. Dass ich die Fax-Nr. des Direktors herauskriege, ihm schreibe, liegt paradoxerweise an meiner großen Unbedarftheit: ich habe keinen blassen Schimmer, was so ein Gefängnisbetrieb ist und mache gerade deshalb einfach alles, was mir nützlich scheint. Tatsächlich war ich in meinem Leben noch nicht einmal je zu Besuch im „Knast“. Mir fällt nur immer der Satz aus einem Meditationsbuch ein, vor vielleicht 40 Jahren gelesen: Es ist schwer, für die Gefangenen zu beten. Ich erfahre, dass David jetzt vom Hungerstreik abgesehen hat, er hat etwas erfahren, das ihn denken lässt, dass er dort vielleicht in noch extremeren Situationen zum extremen Mittel greifen muss.
Siebenhundertzwanzig… Er wird in ein kleineres Gefängnis verlegt, wo ich ihn schnell besuchen kann, erschrecke, als er hereingeführt wird; er geht wie ferngesteuert. Aber, wird er später erzählen, er hat jeden Abend eine Stunde gesungen, verschiedene Nationalhymnen, außer der deutschen, Lieder von der „Last night of the proms“. Das gefällt auch den Kameraden, die in den angrenzenden Zellen zuhören, manchen richtet es gar auf. Wundern müssen sich alle, dass er so ein Asket ist, er braucht weder Tabak noch Radio. „Möglichst schnell, wenn du es eben schaffen kannst,” bittet er mich, „es ist gut möglich, dass sie weiteres gegen mich suchen und mich z.B. gleich in U- Haft behalten, wegen Fluchtgefahr. Dann komme ich nicht wieder.“ „Man kann vieles versuchen geltend zu machen,“ bestätigt mir sein Anwalt, „dass der deutsche Staat, mindestens de facto, ihn unzulässig mit der Kirche verfolgt hat, und man schlecht einem das „Schwarzfahren“ vorwerfen kann, der in einem immer noch Rechtsstaat trotz eines Betrugs der Kirche, den der Staat unterstützt, irgendwie überleben und seine Mutter überleben lassen will, oft auf einer Art Flucht, aber alles draußen. Wenn es ihnen gelingt, ihn drin zu halten, kann er absolut nichts machen, und Sie und ich auch nicht”. Ich sammle Spenden. Erst kleinere, bei zwei Damen in der Nachbarschaft der Aktion, die immer für uns waren. Die eine war, ist und bleibt unverbrüchlich unsere Freundin, die andere macht die Tür nicht mehr auf,als David “draussen”ist und sich bedanken will. Kleiner Nachtrag: später kehrt es sich um. Als wir die zweite zufällig treffen, ist sie wie umgewandelt. Sie möchte fast gar nicht mehr aufhören mit dem Gespräch. Die erste hingegen ist so rumgedreht worden, wie wir es oft erlebt haben. Als ich Interesse zeige, auch bei einem zufälligen Treffen, an welchem Lokal sie auf der Speisekarte nach Kürbiscremesuppe guckt, tut sie, wie wenn sie nicht mit mir vor einer Speisekarte gesehen werden will. Nicht immer ist sowas so lustig, dass Kürbiscreme vorkommt und Speisekarten.

Der Politiker, den ich auch aufsuchen soll und den David beinahe für seinen Freund gehalten hätte, ziert sich peinlich. Als der Freund und ich bei 660.- angelangt sind, fragt der seinen Vater, was ihm nicht leicht fällt. Der gibt das Geld, was i h m aus eher prinzipiellen Erwägungen nicht leicht fällt, aber er tut es und hat uns wahrscheinlich damit das Leben gerettet. Wäre David nicht rausgekommen, hätte er wahrscheinlich einen Hungerstreik durchgeführt, egal, was passiert; ich hätte ohne ihn nicht Tag und Nacht vor der Jesuitenhochschule stehen können. Gegessen haben wir eigentlich immer von einem Umzugsjob, wenn David, meist für einige afrikanische Studenten mit, einen organisieren konnte. Die dummen und beleidigenden Äußerungen mancher besonders linker Leute in Frankfurt, ich solle doch „zum Staat“ gehen (den sie allerdings ansonsten erheblich mehr in Grund und Boden verdammen, als es mir eingefallen wäre), aber, was „der Staat“ mit m i r machen würde, würde ich mich „an ihn wenden“, hat er mir am Ende von Karlsruhe gesagt.
Ich will kein Geld für mich ausgeben, kein Hotel, usw., im Flughafen schlafen, bis ich ihn rausholen kann.

In der Nacht, ich bin versucht, zu sagen, in der Nacht, als ich verraten wurde, steht sie neben mir um zwei, das noch aufgerollte Absperrband in der Hand. Ein herrenloses Gepäckstück ist gefunden worden, also Evakuierung der ganzen Area . Erkenne ich sie, etwas verschlafen, nicht? Sagt es mir wirklich nichts, wie sie, scheinbar völlig emotionslos, fast tonlos, wie nebenbei in ihr Handy spricht, immerhin direkt neben mir: „…und schickt mir ein paar Securities rüber…“. Das ist ihre Stunde; ich aber, wie im Schlaf, kehre nach Entwarnung zum selben Liegestuhl zurück. Sie stehen im selben Augenblick neben mir, zu dritt? Zu fünft? So wie die auftreten, der dicke Anführer mit einem großen Hund, mag sie mich als regelrecht gefährlich dargestellt haben: das ist die asoziale Mutter von dem Kriminellen, den wir vor zwei Wochen auf der Wache hatten, festgenommen mit Haftbefehl im Flughafen… die liegt jetzt dreist hier drin. Alles kam hoch: die seltsamen Gespräche, die sie hatte mitanhören müssen über Priester, Priesterkinder und irgendwelche, die Jesuiten heißen… der eigenartige Respekt, den die meisten Kollegen vor denen hatten, und statt dass man dem Kriminellen wenigstens die paar Kröten abgenommen hätte, die er in der Jacke trug, um sie schon mal mit der Schuld zu verrechnen, hatte sie mit der Mutter gehen müssen Kaffee und Schokobrötchen kaufen. Ich kann den Schmerz nicht beschreiben, eher ein Schwindelgefühl, das Menschen fühlen, oder dessen Fühlen sie unmittelbar durch Umwandlung in Hass abwehren, die ihre Identität mit einem herrschenden System zur Deckung gebracht haben, wenn sie mit ansehen müssen, wie dabei etwas unbegreiflich quer läuft. Aber das kann sie nun abwenden, bevor es an den Grundpfeilern der Persönlichkeit rüttelt.

„Stimmt“, antworte ich auf die Frage, „ich habe jetzt kein Ticket. Ich bin aber generell eine nicht so schlechte Kundin. Mein letzter Flug ist noch nicht so lang her… Das war… am…“ jetzt rächt sich, dass ich mir, weil immer, Schlag auf Schlag, so viel passiert, abgewöhnt habe, mir genaue Daten zu merken. Mangels Datum im Kopf sage ich: „Das war von hier nach Hamburg und zurück zur Lanz-Sendung, wo ich auch gesprochen habe… Vielleicht haben Sie es ja gesehen?“ füge ich hinzu. Die weibliche Security sieht mich so an: Was die Leute sich neuerdings ausdenken: Im Fernsehen aufgetreten! Hingeflogen! Der Anführer, Typ leiser deutscher Sadist, der es schon vor 70 Jahren als unnötige Kraftaufwendung ansah, die Stimme zu erheben, wenn er die Volksfeinde aus den Wohnungen holte, etwa um dieselbe Uhrzeit wie jetzt, redet, wie er es sich schon damals zur Ehre anrechnete: vornehm, oder das, was er dafür hält, wie manche seiner Opfer, dabei unerbittlich: „Nein, ich begleite Sie jetzt zur Rolltreppe (mit Hund!), während Sie den Airport verlassen!“ Ich fahre die lange, zentrale Rolltreppe hinunter, unten denke ich: So ganz wie ein Schaf will ich doch nicht… und nehme die daneben wieder hinauf. Unbehelligt fahre ich in den anderen Terminal, gehe zu McDo, der die ganze Nacht auf hat, Geld ausgeben darf man ja im Airport meistens Tag und Nacht. Die riesige Empore ist fast ganz leer. Ich kaufe mir einen Kaffee, suche mir einen Tisch. Blätter habe ich bei mir, aber mein Kuli ist leer. Das Mädchen am Desk leiht mir freundlich ihren; ich beginne, das Erlebte aufzuschreiben. Eineinhalb Stunden später kommt die junge Frau, dann ihr Kollege zu meinem Tisch: mehrere Apfeltaschen, Joghurts mit Früchten, legen sie vor mich hin. “?….”
„Vielleicht,“ schlage ich vor, als ich begriffen habe, „auch dem jungen Mann da hinten, der mit dem Kopf auf dem Tisch schläft?“ „Nein, nein, das ist alles für Sie.“ Alles, was sie bei der Inventur zum Abschluss der Nacht, vor dem Frühgeschäft, noch finden konnten, haben sie mir gebracht. So trösten sie mich.

In der Frühe ziehe ich das Lösegeld aus dem Automaten. Direkt zum Gefängnis, das in einer ruhigen Straße liegt, gegenüber einem kleinen, jetzt sehr winterlichen Park, in dem sich ein Hospital befindet. Sehr klein in die hohen Mauern geduckt, mit einem Fensterchen mit einem Spiegel, die Tür.
Tut mir auf die schöne Pforte, führt in Gottes Haus mich ein
Ach wie wird an diesem Orte meine Seele fröhlich sein
Hier ist Gottes Angesicht, hier ist lauter Trost und Licht
( evangelisches Kirchenlied)
Anders als die heute Nacht schätzt mich der Beamte in seinem Spiegel als ungefährlich und kompatibel ein und drückt auf. „Ich will meinen Sohn abholen – Sechshundertdreißig sind doch richtig heute?“ Den Ausweis durchgeschoben, sein Blick in den Computer. Das Geld annehmen muss ein anderer. Zwei Mal links. Schwere Stahltüren werden aufgedrückt mit Summer. In dem Büro sitzt einer hinter einem großen Schreibtisch, der mir Platz anbietet, Namen prüft, Zeiten, wie mir scheint, nachdenklich lang im Computer eine Frage stellt, die Antwort abwartet, extra noch einmal angerufen wird. Augen-Blicke hin und her, es herrscht in der Tat eine gewisse Spannung im Raum, wie ich die Summe hinzähle, hingezählt habe. Wenn der jetzt sagt: Hier ist Ihre Quittung. Damit ist das in Ordnung. Wir sagen Ihrem Sohn hier Bescheid. Über das, was noch gegen ihn geprüft wird, kann er hier über seinen Anwalt informiert werden… oder so. Aber er sagt: “Es wird einen Moment dauern, bis er seine Sachen beisammen, Formalitäten erledigt hat. In etwa einer halben Stunde können Sie ihn draußen in Empfang nehmen.”
David ist noch wie benommen. Mein schlimmes Bein, das ich mir beim Hungerstreik im Oktober vor St. Georgen geholt habe, ist kein bisschen besser geworden nach mehr als einem Vierteljahr, eher schlechter. So treten wir die Phase des Sitzstreiks an, von der wir noch nicht wissen, dass es hier die letzte ist.

Sie ist nicht tot, sie schläft nur.. Malta. Nur mit Gewalt können sich die Besucher von der schmalen, senkrechten Glasvitrine lösen, in der sie schläft. Eine Priesterin? Auf ihrem Lager, auf der Seite liegend, im weit ausladenden Rock, den sie alle tragen, die Kolossal-Statuen und diese fast winzige Statuette. Früher schlief sie, vielleicht 5000 Jahre lang, in Hal Saflieni, im Hypogäum, dem in mehreren Etagen in die Erde hinunter gebauten Tempel, dann wurde sie heraufgebracht ins Museum. Von der sleeping lady geht eine unvergleichliche Ruhe aus.
Dreißig Jahre davor im Bus mit lauter mehr oder weniger leitenden Kirchenleuten: Monsignori, sogenannte Laien, die große Organisationen leiten, einer wurde danach Hochkommissar für das Flüchtlingswesen in seinem Land. Ein italienischer Bischof, den die anderen heimlich belächeln, weil er im vollen Ornat erscheint. Wir sind beim abendlichen Rahmenprogramm einer großen Konferenz: guided tour über die Insel Malta. Ich dolmetsche diese Konferenz schon im achten Jahr, ein oder zwei Mal jährlich. Deshalb bin ich mit nicht wenigen ganz gut bekannt, die immer kommen. Ich bin schwanger; aber so privat sind wir auch wieder nicht, dass sie erkennen lassen würden, dass sie es auch sehen. Jetzt sagt der Guide ins Mikrofon: dieser Tempel, links vor Ihnen, hat Nischen. Man nimmt an, dass dorthin die Frauen in die Nähe der großen Muttergottheit zur Entbindung kamen… Darauf war ihre höfliche Selbstbeherrschung nicht vorbereitet: Alle drehen sich im selben Augenblick zu mir hin und – schnell wieder weg. Da ist er schon beim nächsten Satz: … und sie dienten wohl auch allen, besonders den Leidenden, für den Tempelschlaf. Zwei, drei Tage oder länger Schlaf mit Träumen, von den Priesterinnen bewacht.
Das ist lang her, sagen wir: 5000 Jahre. Aber sogar noch im europäischen Mittelalter war es selbstverständlich, Pilger in der Kathedrale von Chartres schlafen zu lassen.
Schlafen wir in der Flughafen-Kapelle, sage ich zu David, nachdem er erklärt hat, dass er nicht unbedingt mit dem restlichen Geld ins Hotel muss, geschlafen hat er dort, wo er herkommt, mehr als genug. Aber nach all dem Stress gleich wieder die ganze Nacht vor die Jesuiten-Burg? Ein Mal, zwei Mal Schlaf in der Kapelle. Beim dritten Mal kommt tief in der Nacht ein türkischer Security. „Ist das hier nicht sozusagen extraterritorial?“ „Kann sein, aber wir müssen aufpassen, dass alles in Ordnung ist und bleibt.“ Aber außer, dass wir nicht sitzen, sondern auf den Stühlen ausgestreckt waren, sieht alles 2 Minuten später so aus wie vorher. Also? Er beginnt höflich eine Belehrung, wozu eine Kirche da ist. Nach zwei Sätzen unterbreche ich: „Ehrlich gesagt, ich glaube davon verstehe ich doch noch mehr als Sie“. Das räumt er ein. Draußen steht ein frecher Hesse, der sich Gummihandschuhe überzieht für den Fall, dass wir noch weiter diskutieren wollen.
– „Jesus,“ sagte an einem Vormittag neulich erschrocken die erschöpfte, alte Frau und griff nach dem Kreuz an ihrem Rosenkranz, den sie um den Hals trug, wie sie von einem Trupp des Kommandos „dieser Flughafen ist obdachlosenfrei“ geweckt wurde. Doch schwang noch ein Rest des Vertrauens in ihrer Stimme mit, das wir mit diesem Namen verbinden können. „Ich bin hier Jesus“, antwortete der forsche junge Security. Noch einmal: ” Ich bin hier der Stellvertreter von Jesus -Und jetzt ziehen sie die Schuhe an und verlassen den Flughafen”.

Als wir aus dem Hotel zurück kommen, wissen wir, dass wir unseren Rhythmus völlig umstellen müssen: Abends um zehn, wenn ich eigentlich sehr müde werde, gehen wir ins Café. Qualvoll gegen den Schlaf ankämpfend vor einem Becher Cola, oder einem leeren Becher bis Mitternacht, mit der letzten Bahn zur Balduinstraße. Nachtwache am Sitzstreik- Platz vor St. Georgen, bis gegen vier, halbfünf. Das war schon bei meinem Hungerstreik im Oktober so, nur noch ein bisschen lebhafter,, weil es nicht ganz so kalt war: Spätheimkehrer, Taxifahrer, Fahrer vom Nachtbus… stellen aber auch dieses Mal Fragen angesichts der leuchtenden, langen Banderole Menschenrechtefuerpriesterkinder, die ein Profi hergestellt und beschriftet hat, der auch einmal nachts vorbeigekommen war. Moslems, die sich haben erklären lassen, was das hier ist, bringen Vanillemilch, Croissants, Obst… ein Bekannter aus Davids politischem Engagement, der Taxi fährt, und von dem David eher angenommen hatte, der könne ihn nicht besonders gut leiden, fährt jetzt jede Nacht den stärksten Kaffee der Welt heran. Morgens durch die Eiseskälte zum Beispiel zu McDo. Am Tag, wenn möglich, etwas schlafen, außer für David, wenn er einen sogenannten studentischen Umzugsjob aufgetan hat, dann geht er da hin, ohne geschlafen, gegessen zu haben, wuchtet er Waschmaschinen, Schränke… während ich voller Angst den ganzen Tag seinen Schutzengel anflehe… Oft kommt er deutlich später zurück als gedacht, wenn ich schon in Panik bin, die Leute schätzen die benötigte Zeit häufig zu gering ein. Er ist froh, dass er gut Kamerad sein konnte mit einigen afrikanischen Studenten, das ist auch eine Abwechslung zu dem ewigen furchtbaren Druck, und dass es so lang gedauert hat; Essen, Hotel, vielleicht gar zwei Nächte schlafen.

Bis zu meinem Hungerstreik hatte ein Gastgeber großzügig angeboten für die Dauer dieser Aktion in Frankfurt seine für drei nicht übermäßig große Wohnung mit uns zu teilen. Niemand kam auf die Idee von allen Bekannten, politisch Engagierten, den mal abzulösen oder für ein Wochenende ihn oder uns einzuladen, damit eine Abwechslung geschaffen würde; es war aber trotzdem ein ganz gutes Zusammenleben. Wir konnten relativ bald eine Gruppe bilden mit Unterstützern für den Streik, ich lud sie öfter zum Essen in die Wohnung des Gastgebers ein, das machte uns allen Freude. Aber vom 4. Monat an spürten wir den Niederschlag der Hetze so ziemlich aller anderen seiner Bekannten, die uns oft gar nicht persönlich gesehen hatten. Jeder, hier meist erklärte Atheisten, die ansonsten nicht viel Ahnung von Kirche haben wollen, glaubt, etwas zumeist Unqualifiziertes oder Beleidigendes beim Stichwort Priesterkind sagen zu können, oder ist es vielleicht nicht beleidigend, zur sehr politischen Aktion, geführt von Erwachsenen, zu sagen: “ wieso… die Kirche zahlt doch bis zum dritten Kind…?“ David, der mit der Eingangsnote 1,3 endlich hatte anfangen können zu studieren, dabei bis in die Nächte seine Übersetzungen gemacht hat, dafür auch in der Uni selbst gefragt war, aber gesehen hat, dass die Dinge aus der Zeit, als Kirche und Staat besonders zusammenhalfen, was ihn und seine Mutter hätte zu Tode hetzen können, in Ordnung gebracht werden müssten, bevor er in Ruhe zu Ende studieren könnte. Der sich bereits am Sitzstreik-Platz immer mal Unterstellungen und ungeheure Frechheiten von Katholiken anhören musste, während 70 Prozent aller anderen, die dort das Gespräch suchten, unserem Anliegen zustimmten, und wo ich manchmal angesichts hochnäsig tuender Studentinnen (am Anfang, später wurde es besser) scherzhaft gesagt habe: “du solltest doch in den Mensa-Club gehen und hier ein Schild mit deinem IQ aufstellen”, David, der sich vielleicht seit Jahren irgendwie aus dieser ganzen Verfolgung hätte herauswinden, es zumindest hätte versuchen können,wenn er mich, ausgeraubt und vertrieben wie ich war, aufgegeben hätte, das ist ihm im Traum nicht eingefallen, wird nachgeredet, dass er nicht selbständig sei, nicht fleißig, vielleicht nicht intelligent, irgendwie zurückgeblieben, wie mir Katholiken gern Herz und Schmerz nachreden, bin „nicht fertig geworden damit, dass der Jesuit eine andere vorgezogen hat.“ Unser Gastgeber, den wir bis zum Abend ,an dem er zu uns an den Platz vor St.Georgen kam, uns einzuladen, gar nicht gekannt hatten, hatte uns eingeladen für diese Aktion und genau die haben wir eifrig betrieben. Daraus haben seine Bekannten unfähige Leute gemacht, die sich bei ihm eingeschlichen haben. Mon Dieu! Aber natürlich: Dass die Kirche, der Jesuitenorden, als einzige Institution, so etwas so in die Länge ziehen kann, während sie selber und mit der Zeit auch alle anderen wissen, was sie getan haben, macht alle verrückt. Du weist ihnen nach, was sie Kriminelles tun und … es geschieht nichts. Das ist wie bei der Figur im Märchen, die vom Held mit dem Pfeil getroffen wird und einfach unversehrt stehen bleibt. Allerdings, anders als Kirchenleute das vielleicht interpretieren möchten, ist der auf diese Weise Unverwundbare der Böse, vielleicht der Teufel selbst.

Als es mit dem Gastgeber zu Ende war, dachte ich, das ist der Moment für den immer wieder einmal besprochenen, hinausgeschobenen Hungerstreik. „Also in night?“ fragt ein kleiner, indischer Jeusit erschrocken, mit dem ich immer mal ein paar freundliche Worte wechsle. Er ist hier wegen seiner Promotion und gehört nicht direkt zu dieser Kommunität, so kann er das Redeverbot mit uns vielleicht etwas lockerer auslegen. Von den Hiesigen ist der von uns so genannte” Ex-Gertler”, (wir hielten ihn längere Zeit falsch für einen dieses Namens), sichtbar bei denen, die das nicht einfach wegstecken. Abends spät kommt er an das wie immer um 21 Uhr von einem jungen Mann geschlossene Tor. Er rüttelt vorsichtig innen an den Stäben, als müsste er prüfen, ob alles ordnungsgemäß intakt und zu ist, und späht dabei nach draußen. Ja, wir sind da.
Die Japanerin überreicht mir, formvollendet und dabei ganz natürlich, wie es nur Japanerinnen können, einfühlsam für diesen Zweck ausgesuchte Geschenke: zwei selbstgestrickte, sehr warme grüne Schals aus Alpaka-Wolle, japanische Wärmepflaster, einen besonderen, eigentlich für die Teezeremonie bestimmten Zucker in einem elegant bemalten, japanischen Schächtelchen und einen Walkman mit Bach und Beethoven. Nach wenigen Tagen kommt eine Frau vorbei, nur zwei Mal, dann habe ich sie nie mehr gesehen, mit einer sehr großen Auswahl an Kassetten. „Sie werden unerwartete Schätze darunter entdecken,“ verspricht sie. In der Tat! Ich hatte Mendelsohns Symphonie Nr. 4, A-Dur Op 90, die „Italienische“, nicht gekannt, nun hörte ich sie immer wieder und ging dabei auf und ab.
Brigitte, die mich fast jeden Morgen angerufen hat beim Gastgeber, seit wir uns hier kennen gelernt haben, die gern meine Freundin geworden wäre, ist intelligent. Zu einigen sozialen Phänomenen sagt sie: Die großen Selektionen haben schon begonnen. Brigitte erklärt sur-le-champ, dass sie absolut gegen Hungerstreik ist, daher auch nie vorbeikommen, zu trinken bringen wird, oder mal sehen und hören, wie es geht. Bei meiner Selektion will sie nicht dabei sein.Wie das oft ist, im Leben: R., eine unserer Unterstützerinnen, die dann öfter kommt, zu trinken bringt, hat selbst kaum das Nötigste zum Leben.

Vor einigen Monaten hat uns die Redaktion des Tatort-Krimis angerufen mit einigen Fragen zu Priesterkindern. Jetzt wird der Krimi gesendet. Leider ist der Priestersohn der Täter, aber die hinterhältige Quälerei von Priesterkindern und ihren Müttern kommt gut heraus. 10 Millionen sehen den Krimi, mehr denn irgendeinen anderen „Tatort“ in diesem Jahr. „Das Thema interessiert Deutschland“, sagt der Journalist, der uns mit einem Team aufsucht, einen ganzen Tag vorbereitend für eine Fernsehsendung filmt und interviewt. Aber zuerst kommt Breitmann.

„Was sagen Sie denn zu der Situation hier… mit der Frau im Hungerstreik?” Zu Studenten, Professoren, Besuchern. Furcht und Abwehr bei vielen, Hände werden vor die Kamera gehalten. Einer der, glaube ich, lediglich regelmäßig ihre Bibliothek besucht, stellt sich in Positur: Ich bin unglaubwürdig, erklärt er, ich müsste bei dem Hungerstreik längst tot sein. Das nimmt er mir eigentlich übel, dass ich noch lebendig da sitze. Einer, den wir „lego“ nennen, weil er oft mit einer Tragetasche herumgeht, auf der dieses Wort steht, gibt wohl wieder, was drin auf die Frage der Jüngeren formuliert wurde, nachdem wir uns da installiert hatten: „Priesterkinder stehen unter Gottes besonderem Schutz – Ihr Erbrecht ist allerdings an die Kirche übergegangen.“ Ein Besucher, der aufgebracht erklärt, dass er kein Jesuit ist, aber den „Orden sehr gut kennt“, ist furchtbar wütend darüber, dass der Reporter da ist. Einem verschreckten, angesprochenen Studenten winkt er mit Blick auf den Reporter ab:” Lassen Sie den doch – der ist krank!”
„Jetzt sind sie aufgescheucht“ sagt der Reporter dieses politischen TV-Magazins, als Verschiedene von drinnen herauskommen, auch versuchen die Hand vor die Kamera zu halten, ihn einschüchtern wollen, der Pro-Rektor der Fakultät droht ihm mit der Polizei. Ein lebhafter, jetzt auch sehr aufgeregter Mann, wird er, gerade als sich zwischen ihm, dem Reporter, David und mir ein heftiger, aber durchaus den Namen Gespräch verdienender Austausch anbahnt, vom herbeigeeilten Mann für’s Grobe, nein, nicht durch diskrete Blicke, nicht durch verstohlenes Schieben, sondern durch brutales Auf-die-Seite- stoßen aus dem Blickfeld befördert. Uns andere drängt der Mann für’s Grobe ebenso brutal auf den Zentimeter genau an das Pflaster, wo der öffentliche Bereich beginnt, aus dem er uns nicht entfernen kann. Noch nicht, denkt er wahrscheinlich. Am Nachmittag sucht mich ein Polizist auf: Ob ein Reporter hier war? Er hat uns interviewt, Leute befragt, gefilmt? Die Jesuiten wollen ihn anzeigen. Das klärt sich rasch durch einen Anruf bei Breitmann und dessen abendlichen Anruf bei der Wache. Einige fromme Frauen haben sich zusammengetan und Klage geführt, David würde ihnen gegenüber verbal ausrasten. Das kommt vor, gebe ich zu, sie provozieren ihn allerdings oft außerordentlich beleidigend. Vorigen Sonntag gab es einen Auffahrunfall, als ein Wagen aus St. Georgen herausfuhr und einen Motorradfahrer erfasste. Gott sei Dank ist dem nichts passiert; mit den beiden Damen im Wagen haben wir schon gesprochen. Die Jesuiten versuchen, geltend zu machen, das sei passiert, weil wir da stehen. Wir stellen unseren kleinen Tisch ein Stück weiter weg. Die ganze Zeit war die Polizei eher wohlwollend neutral, und jetzt analysiere ich , dass er mir wohl auch den Hinweis gibt, wir sollen aufpassen, die suchen etwas gegen uns. So steht Davids größte Feindin am Abend nach der Messe lang im Tor und wartet –vergebens : er wird nicht weggeholt.

Der Killer steht zehn Stunden später vollkommen unbeweglich am Tor, eine Aktentasche in der Hand, zehn Minuten, dreißig, fünfzig… Wir verständigen uns flüsternd, dass er zu sehr dem Klischee eines Killers im Morgengrauen entspricht, um einer zu sein.
„Drehen Sie sich weg!“ schreit ihn die junge Frau an, die aus ihrem Auto springt, „ich muss austreten!“ Sie hockt sich direkt vor die Einzeltür neben der Einfahrt, durch die Spätheimkehrer gehen, die den Code kennen, und macht tatsächlich da hin. „Die war heute nacht schon mal da, als du geschlafen hast,“ flüstert David, „da hat sie…“ Das zerschmetterte Marmeladenglas am Tor legt Zeugnis davon ab. „Die Pfarrer!“ schreit sie, „wann kommen die endlich raus? Ich will einen Gottesdienst! Ich habe bezahlt! Kirchensteuer!“ Es ist noch nicht 6 Uhr, ich versuche sie ein wenig zu beruhigen: Hier ist erst spät am Vormittag Gottesdienst, aber vielleicht finden Sie in der Stadt eine Frühmesse… um 7 . Sie springt in den Wagen, fährt ab… und kehrt gleich wieder zurück. Hervorragende Autofahrerin, stoppt sie zentimetergenau, wo sie rausspringen will, langt auf den Rücksitz, die Eier sind ziemlich groß! Drei Eier knallt sie, eines nach dem anderen, an das Halbrund der Mauer, das auf ihrer und des Killers Seite das Tor einfasst. Die Dotter fließen ausgiebig nebeneinander ganz hinunter. Der Killer rührt sich nicht. Erst, als um 6 das Tor geöffnet wird, geht er als Handwerker in den Hof hinein. Am Tag merkt man, dass der Mann für’s Grobe die Spuren des Wutausbruchs ganz gern David anhängen möchte. Aber die Gärtnerin war früh da und hat die Autonummer der Frau aufgenommen.
Vielleicht ist die Frau am Vortag zufällig hier vorbeigekommen, als der Reporter da, als etwas los war, vielleicht auch nicht. Ich denke, sie gehört zu den unter irdischen Bedingungen als labil bezeichneten Menschen, die von ihrem Dämon, nicht dem christlichen, bösen, sondern dem griechischen: einer großen, nicht-menschlichen Kraft, weder gut noch böse, dorthin getrieben werden, wo sich eine Energie zusammenballt, ohne dass sie richtig wissen, warum. Matthias Rust war wohl auch so einer, der mit seinem kleinen Flugzeug die Grenze zur Sowjetunion durchbrach, ohne recht zu wissen, warum, während sich dort eine ungeheure Energie zusammen zog, die nicht sehr lang danach den Eisernen Vorhang an sein Ende bringen würde. M. R. hat teuer dafür bezahlt.
Ich möchte sicher gehen, dass die Sache mit den Eiern definitiv geklärt wird. Es kostet mich Überwindung, aber ich spreche den Mann für’s Grobe an, der mich selbst bei diesem kleinen Einzelgespräch unerbittlich, höchst unhöflich wie es kaum ein Mann gegenüber einer Frau sonst fertigbringt, Schritt für Schritt rückwärts auf den öffentlichen Bereich drängt-, ich war höchstens zwei Meter in ihren Hof gegangen, weil er dort stand, -damit ich ja nicht länger auf ihrem Terrain zu stehen komme. Rätselhaft: die Erwähnung der aufgeregten Frau entlockt ihm ein überraschend ungeheuer böses Lächeln. Erst als ich sein Photo zu einem Statement in der Kirchenzeitung sehe, wird klar, dass der den wir „Mann für’s Grobe“nennen, der Obere ist, der hier ernannt wurde, als wir einige Zeit schon auf unserem Posten standen. Von der Ernennung wussten wir übers Internet, auch, dass der dieses Namens der ist, der aus Rom, im Namen des Jesuitengenerals, holländischen Journalisten Antwort gab, die ihn wegen uns befragten, aber wir hatten nicht diesen dafür gehalten. Seine heftigen Reaktionen kommen aber vielleicht nicht nur daher, oder weil er hier jetzt leitet. Er war vielleicht damals dabei, als die Jesuitenkurie des Generalsekretärs Vorstoß zu einer partiellen Wiedergutmachung für uns ablehnte, er muss unsere wahre Geschichte kennen, die sie natürlich auch ihren eigenen Rängen weiter unten in der Regel verschweigen. Er war wohl dabei, als wieder die Devise ausgegeben wurde, die hier erneuert wird: Nichts zugeben und nichts hergeben.
Auch nach Holland hatte mir der Direktor der Jesuitenarchive in Rom ein bestürztes, herzliches E- Mail auf Französisch geschrieben: Sie sollen nicht denken, Madame, dass wir hier nicht Ihren Schrei hören… wir sprechen auch miteinander darüber. Ich dankte ihm und erzählte ihm ein wenig von unserem Leben bei jenem Protest in Holland . Dann habe ich nie mehr etwas von Ihm gehört.
Der Hunger war nicht das Schlimmste bei diesem Hungerstreik, aber immer schlimmer wurde mein rechtes Bein. Ich hatte nur einen zu niedrigen Hocker, Tag und Nacht darauf zu sitzen, zog die Beine viel zu scharf an wegen der Kälte, oft kippte ich in einen Erschöpfungsschlaf mit unnatürlich angewinkelten Beinen. Die Schmerzen nahmen zu.
Der Anruf zu “Lanz”. Das Team, das den Fernsehauftritt vorbereiten kam. Ich brach den Hungerstreik ab. Wir flogen mach Hamburg zur Sendung.

An einem Abend ist David zu meinem Schlafzimmer gekommen. Hast du das auch gehört? Es hat zwei Mal präzise und energisch an die Haustür geklopft. Er ist aufgestanden, hat nachgesehen. Niemand. „Das hat mir etwas Angst gemacht,“ sage ich am nächsten Tag. „Was glaubst du, wer das gewesen sein könnte?“ „Der Tod“, antwortet er. Auch ich habe als erstes spontan an den Tod gedacht.
Wir sind noch nicht über den Berg.

S e a r c h i n g f o r t r u t h. Das Buch hieß noch nicht so; es hatte noch gar keinen Titel. Meine Möbel waren noch nicht da. Deshalb saßen Peter und ich etwas unbequem auf einer Matratze in meiner neuen, kleinen Wohnung in Düsseldorf, während er die Blätter in Händen hielt, mir den Entwurf zum Exposé vorlas. Ich muss gestehen, dass ich an dem Abend nicht ungeteilt aufmerksam war, ich war jung, wir hatten uns länger nicht gesehen… Aber wörtlich weiß ich noch diesen Satz von ihm: Wenn ich dieses Buch veröffentliche, wird Rom sich sehr ärgern.
Nichts wirklich zum Ärgern für Rom in dem weissgewaschenen Büchlein, das Prof. Greinacher 15 Jahre später in der Bibliothek der theologischen Fakultät in Tübingen fand und mir schickte. Nichts adäquat von den Spannungen, der Verzweiflung, nichts von der Wut über Kirchen-, Ordenspolitik. Und eine gehirngewaschene Version seiner eigenen Geschichte, in der das Wesentliche fehlt.
Er hatte nicht mehr geglaubt, dass er noch an Gott glaubte, an Geschichte und Rolle Jesu… Das ist allerdings nichts Besonderes, mir scheint, für nicht wenige Priester und mehr Ordensleute treten im Lauf des Lebens ohnehin die Kirche, ihr Orden, immer vollständiger an die Stelle Gottes, ein echter, manchmal furioser Götzendienst, dessen längst eingetauschten Gegenstand sie gar nicht als solchen bemerken. Ich wünschte, schrieb Peter mir einmal, ich könnte so glauben wie Du. Aber für mich ist Gott, wohl seit ich lebe, zuerst wie die Luft, die unsichtbar uns umgibt, und die kein Mensch extra beweisen oder leugnen will, während er ein- und ausatmet. In der Kirche hatte ich mir erhofft, den unsichtbar gegenwärtigen Gott mit anderen in Zeichen zu erleben, feiern, auch besprechen zu können, glaubte es auch manchmal zu erleben, erlebt zu haben, das konnte nicht für immer so gehen mit Menschen, die glauben, Gott einen Gefallen zu tun, wenn sie ihre eigenen Kinder bestehlen und quälen, oder das jedenfalls für richtig halten.
Peter hatte den Boden unter den Füßen verloren, im Eindruck, sein Leben an etwas gewandt zu haben, das nicht trug. Zudem gehörte er zu den Männern, die sich als junge Erwachsene ein Leben nur in einer festen Struktur wie einem solchen Orden vorstellen können, das kann man Berufung nennen: die einzig mögliche Weise für jemanden, zu existieren. Das heisst nicht unbedingt, dass derjenige auch zur Enthaltsamkeit berufen ist, selbst wenn er, subjektiv erst einmal ehrlich, diese Verpflichtung jugendlich heldenhaft und idealistisch bejaht. Peter suchte Frauen, vielleicht auch tief, tief verdrängt das in dieser Struktur Allerverbotenste: das Leben weiterzugeben. Der Salto Mortale, mit dem solche Männer die Liebe, das schließlich weitergegebene Leben, auf Befehl des Götzen von innen, von außen, von oben, plötzlich als sc h l e c h t ansehen müssen? sollen? wollen? zerstört ihre Substanz. Bleibt ein Rest, ist es die Liebe zum Tod. In diesem Buch, streckenweise trocken wie das australische Outback, steht der Satz beim Besuch eines Grabes, den man etwa so übersetzen kann: Ich grüße diesen Toten, wie ich alle Toten grüße. Das hört sich auch an, wie: Im Gedenken an alle unsere Toten, versichere ich euch, Ordensbrüder, Verehrer unserer Toten wie ich, meiner unverbrüchlichen Ergebenheit.

Die während des Sitzstreiks immer häufigeren, immer drängenderen Mails einer Dame an David, ihre fast frenetische Suche, mit der sie immer mehr Fundstücke aus dem Internet zog zum Suchwort Peter Kelly, über seine Schulzeit, seine Familie… ihre überbordenden Assoziationen, Mutmaßungen, Projektionen, die eigentlich alle das Ziel hatten, David dazu zu bringen, sein Leben so zu sehen, wie sie sich nur vorstellen konnte, dass es war, und dass er, mit ihr, seiner Mutter irgendetwas anhängen sollte, denn sie behauptete zwar, aus der Kirche ausgetreten zu sein, aber es definiert christliche Frauen in Ewigkeit, dass sie anderen Frauen, die nicht konform gehen, nachweisen müssen, dass die Dinge nicht so (gewesen) sein können, wie die sagen, und dass jede Unbill, die sie und ihre Kinder trifft, verdiente Folge ihrer Unbotmäßigkeit ist. Die Vorstellung, dass ein erwachsener, junger Mann, Priestersohn oder nicht, nicht unbedingt darauf wartet, dass ihm eine fremde, ältere Frau sein Leben erklärt, trübte nicht ihren Horizont. David fand das eher komisch, manchmal richtig lustig, manche der Fundstücke phänomenal.
Irgendwann in dem Hin und Her hatte er Düsseldorf erwähnt. Plötzlich kam die Dame, die er nicht kannte, die uns nicht kannte, damit heraus, sein Vater wäre nie mit seiner Mutter in Düsseldorf gewesen, das heißt auch, bei der Mutter zu Hause, das sollte wohl auch heißen, dass David dann mal so en passant entstanden wäre, das wäre dann ein „Beweis“ für das, was mir einst der berühmte, progressive Priester salbungsvoll, mit dem typischen Mangel an Élan vital im Gesicht, vorhielt „…da waren Sie eben nicht das Endgültige…“, einen solchen Schwachsinn hatten mir nicht einmal Jesuiten je zugemutet, die sogenannten progressiven Christen sind zuweilen noch schwachsinniger und halten einen für schwachsinniger als die anderen. Übrigens hätte, selbst wenn es so gewesen wäre, das absolut nichts damit zu tun, dass Davids Unterhalt gestohlen werden durfte. Aber über die Rede der Frau musste ich doch lachen. Na ja, sagte ich, ich war dabei in Düsseldorf. Aber wie kam sie darauf? Ach so, sie hatte Peters Büchlein bestellt und gelesen, das wenig Wahres enthält und deshalb umso mehr Wert auf das Wort Wahrheit im Titel legt. Searching for truth. In dem Büchlein schweigt er uns tot. Kein Zusammensein, Gespräche, Ängste, Umarmungen, Heiratspläne, Reisen… amour fou… Die Geburt seines einzigen Sohnes, seine Erschütterung nach der Geburt und seiner Zwangsverheiratung, die er mir noch geschrieben hatte. Ein Kanadier hat ein Vorwort zum Buch geschrieben, in dem Peter gelobt wird: So progressiv, zu wagen, aus dem Orden auszutreten, so nächstenliebend, eine Frau mit 4 Kindern zu heiraten. David hat damals den Kanadier angerufen. Der war sehr erstaunt. Peter Kelly kannte er gar nicht. Jemand hatte ihm gesagt, was er schreiben sollte.
Als David den Sitzstreik- Platz kurz mir und den Unterstützern überlässt, nach Hamburg fährt um einen bestimmten Anwalt aufzusuchen, verabredet er sich mit der Dame in der Mensa der Uni. Was sie über sich selbst gesagt, wie sie sich eingeführt hatte, erscheint doch manchmal ziemlich wie eine Legende: aus der Kirche ausgetreten, aber aus komplexen Gründen, die zu erklären zu weit führen würde, mit dem Studium der Gründungsakten des Jesuitenordens befasst, dabei zufällig im Internet auf uns gestoßen. Später sollte sie auch noch das Eneagramm hervorholen, das ich für einen alten Hut halte, auf den ich Bernanos’ Bemerkung anwenden möchte,… „Ces psychologues qui croient savoir ce qui est dans l’homme…“( etwas scharf übersetzt: Diese Psychologen, die sich einbilden, dass sie wüssten, was im Menschen ist…) aber hier spricht für die Vermutung einer Legende, dass es in Kursen für „Geistliche Begleitung“ benutzt wird.
Eine schöne Gesellschaft: Die Frau, die fast alles besser weiß, weiß aber nicht, dass David seinen kurdischen Komilitonen und guten Kumpel von vielen studentischen Umzügen gebeten hat, in der Mensa inkognito zugegen zu sein. Mal sehen, wie es verläuft, mal sehen, ob sie noch jemanden mitgebracht hat. Der Freund erledigt die Aufgabe perfekt von einem Tisch in der Nähe aus. Nichts im geringsten Plumpes, nichts Kitschiges in seiner Observation, wie einst bei dem einmaligen Knilch, den der Staatsschutz in Karlsruhe für uns aufgeboten hatte, der bei unserem Treffen mit zwei Jesuiten am Protestplatz ganz zufällig auf einer Bank daneben hinter der Bildzeitung hervorlinste. Wir waren zwar mit der Zeit öfter verwundert über die zuverlässig zu erwartende Gegenwart des Mannes an verschiedenen Plätzen, dachten aber trotzdem, naiv, nicht weiter. Erst meine Cousine zu Besuch, am Bahnhof Karlsruhe ankommend, identifizierte ihn auf den ersten Blick als Mitarbeiter des Deuxième Bureau, wie er da in der Halle wieder „ganz zufällig“ neben David stand, der sich zur Entspannung auf der großen Leinwand die Tour de France ansah. Dem Urteil meiner Cousine half, dass sie aufgrund ihres Studienfachs sich häufig in den zu der Zeit hinter dem Eisernen Vorhang befindlichen Ländern aufgehalten hatte. Wir analysierten daraufhin Punkt für Punkt das Verhalten des Knilchs, die Begegnungen. Sie hatte recht.
Aber es gibt nichts Auffälliges bei dem Treffen mit der Frau in der Mensa. Am Ende gibt sie David ein Geschenk für mich mit, einen dicken, altertümlichen Wälzer; Briefe des Ignatius an Frauen. Seit ich fünf war lese ich so ziemlich alles, was mir in die Hände fällt, keineswegs nur was ich sowieso für richtig oder wichtig halte. Aber dieses Buch, bei aller Berücksichtigung anderer Zeiten, Länder, Umgangsformen, ist qualvoll. Es ist zum Sterben langweilig. Wenn es stimmt, dass Ignatius eine Tochter hatte, mag das, wie bei Peters Buch, der Grund für das leere Gefühl bei der Lektüre sein, wie für den Eindruck, den mir andere seiner Werke machen; Ich sage nicht, dass ein Mann zu seinen Kindern dieselbe Nähe empfinden muss wie eine Mutter, auch nicht, dass er die Mutter seiner Kinder heiraten muss, obwohl in dieser Zivilisation viel dafür spricht, aber nichten, totschweigen, schlechtmachen, darben lassen darf er weder Kind noch Mutter. Tut er es, erhält seine vermeintliche Geistigkeit einen touch von Überkompensation, auch etwas Gewolltes, Gewaltsames, oder er ergeht sich in übertriebener Seriosität, wie wenn er sich mit jeder Äußerung als exemplarisch honorig beweisen muss… Sein Geist trägt für immer den Stempel seines Verrats am Menschsein; auch ein caractère indélébile. Die Kirche: ein dreimal in der Wurzel verdrehtes, von Männern repräsentiertes Matriarchat, dassich für Geld und Macht dem Patriarchat andient; Priester, Ordensmänner, nicht selten psychisch einer matriarchalen Epoche angehörend, wo es vielleicht die Besuchsehe gab, wo nicht der Vater, sondern der Bruder der Mutter den männlichen Teil der Verantwortung für die Kinder ausübte… Die Widersprüche daraus, je nach Ort, Zeit, Milieu, Umständen im Patriarchat bis heute gefährlich, sogar tödlich, legen sie auf Frauen und Kinder, ihre eigenen Kinder, das muss man ganz langsam lesen, auf der Zunge zergehen lassen, um die Perversion zu schmecken. Da sind sie fein raus: die eigenen Kinder aller Welt als Opfer darbieten, deren Mütter erniedrigen und dabei den Frommen geben: welch ein Schauspiel!
Da die verschiedenen Taten und Untaten langsam zum Himmel stinken, so dass es bei vielen ruchbar wird, die nichts mehr damit zu tun haben wollen, müsste der Staat, der auf diese Art der Ausübung von Religion offenbar Wert legt, vielleicht demnächst bei Franco in die Lehre gehen : wer in den von Franco eroberten Gebieten noch am Leben war, tat gut daran, egal, was er dachte, glaubte und wollte, zur Beichte zu gehen, den erteilten Beichtzettel zur Bestätigung mitzunehmen, jederzeit vorzeigen zu können, öffentlich zur Kommunionbank zu schreiten, sonst waren die Denunziationen nicht fern, die Erschießungen.

Wenn die Kirchenleute merken, dass ihre Rechnung aufgeht: zuerst milde heruntergemacht die Protestierenden, ein bisschen wie arme Irre. Wenn sich das nicht halten lässt, Halbwahrheiten verbreitet, an Medien nur verzerrt das Allernötigste, sonst könnte es ja so aussehen, als hätte man es nötig. Warten, ob nicht die Nachbarschaft, die Unterstützergruppen zu viel kriegen oder wenigstens müde werden, schließlich warten, ob die Protestierenden nicht endlich von den Strapazen krank werden, aufgeben, oder hier umfallen… dann fangen sie an, aufzuräumen.

Musik: Freddy Quinn singt: Sankt Helena um Mitternacht…
Utrecht. Wer klaut unser Schild auf der Maliebaan? Ins Auto eines Journalisten vom Reformatorisch Dagblad gekauert, lauern wir: Da kommt, man kann es singen mit der Melodie von Freddy Quinn, im schwarzen Mantel in der schwarzen Nacht Ein Kardinal um Mitternacht Er scheint etwas zu wittern, aber hinter den beschlagenen Scheiben sind wir nicht zu sehen. Da tritt er entschieden auf das Schild zu, packt es und trägt es ins Haus. Eines Tages, als niemand da war, hatte Simonis auch die fest verankerte Parkbank vor seinem Haus, Stützpunkt unseres Protests, durch einen Kran der Stadt entfernen lassen. Unser Anwalt hatte sie mit einem Brief an die Bürgermeisterin wieder hinsetzen lassen und hatte die Utrechter auf seiner Seite, die fanden, der Kardinal sollte die Finger von den städtischen Bänken auf der Maliebaan lassen. Da begann der Kleinkrieg.

Unsere Zeiten vor St. Georgen passen immer weniger zu den Öffnungszeiten des Kiosk, wo die netten Betreiber erlaubt haben, die wenigen Gegenstände einzustellen, die den Sitzstreik erleichtern: Hocker, einen schmalen Klapptisch, zwei von den besten Schildern mit der Information…Wir schieben sie jetzt durch eine Lücke des alten Zauns, der weiter hinten die Mauer unterbricht, ins Gebüsch. Sie sind schnell weg. Den letzten Klapphocker verstecken wir sorgfältiger. Aber auch er ist eines nachts weg.
„Tot ist tot!“ schreit mein Sohn, wenn ich mal versuche, einige Jesuiten zu verteidigen, die uns bewusst sehr freundlich grüßen, wenn sie uns antreffen. „Wenn du hier stirbst, haben dich die Freundlichen genauso getötet wie die anderen.“
Die anderen sind inzwischen vielleicht froh, dass ich ohne Hocker schneller umfallen werde. Meine sehr schmerzhaften Herzanfälle nehmen an Häufigkeit und Länge zu vor dem Jesuitentor, auf der Offenbacher Landstraße in der Nacht. Schwer erträglich, sich das Gesülze der anderen vorzustellen, wenn ich hier umfalle.
Das ist unsausrottbar bei mir: die Dankbarkeit für das Leben. Wenn es ab und zu gelingt, dass ich wenigstens kurz die Wache übernehme, damit David 20 Minuten das wache Bewusstsein loslassen kann, Schlaf kann man es kaum nennen, wenn mir dabei einfällt, dass er gesagt hat: Jetzt musst du auch noch einmal sehr beten. Wir können jetzt hier wirklich sterben, stammle ich, während ich mich kaum aufrecht halten kann auf der eiskalten Straße in der Nacht: Danke für das Leben. Aber wir müssen Gott auch daran erinnern, dass wir Menschen sind. Anders als Gott müssen wir schlafen und essen.
Wenn wir tagsüber oder abends da sind, kommen jetzt immer wieder einmal neue Menschen nach so langer Zeit hier, die uns ihre Anerkennung aussprechen, dass wir da stehen für uns und andere. Auch solche aus dem Stadtviertel. Den Gesprächsansatz von manchen verstehe ich nicht, bis ich weiß, dass zwei Männer herumgehen mit einer Unterschriftenliste; wer will, dass der Sitzstreik endlich verboten wird? Anscheinend haben sie keine rechten Argumente. „Das ist ein Missbrauch von Sozialgeldern,“ sagen sie deshalb zu den Leuten. Das können sich solche nur so vorstellen. Nein, nein, meine Herren, wir zahlen den Aufenthalt selbst – mit unserem Leben wie immer. Was übrigens „Sozialgelder“ betrifft, hat David nicht einmal das allen zustehende Kindergeld bekommen ab Fünfzehn, während er weder Schule noch Ausbildung vollendet hatte. Da wurde das symbolische Todesurteil ganz praktisch: Priesterkinder gibt es nicht. Dass er, ordnungsgemäß in der deutschen Schule abgemeldet, bereitstand für die Schule in Australien, wo sein Vater ihn angemeldet, ein Zimmer bei der High School genommen hatte usw. und immer wieder im letzten Moment weggetaucht wurde, einen allerletzten Bescheid nicht schicken „konnte“, gehindert wurde, konnte sich kein normaler Mensch vorstellen, das Amt konnte die Situation nicht einordnen. Zur „Strafe“ für seine entsetzliche Einsamkeit in dieser Zeit bekam David in Deutschland kein Kindergeld mehr. Das war nur ein Detail in der räuberischen Maschine, die über uns hinweg walzte.
Allzu groß war der Erfolg der beiden Männer nicht, weil ihr Eifer mit dem Aufkommen der „Missbrauchsskandale“ zusammenfiel. Die Leute konnten sich jetzt besser Lügen, Vertuschungen, Abartigkeiten bei der Kirche vorstellen.

St. Georgen. In Frankreich schon hatte Peter mir erzählt, dass er nach Frankfurt wollte, genau nach St. Georgen. Dort wollte er verschiedene Bücher konsultieren, von dort aus Küng und Kasper aufsuchen.
Geduldig stand er drei Stunden am Flughafen Frankfurt, weil mein Flugzeug, mit dem ich von einer Arbeit in Lissabon kam, dort noch repariert werden musste. Nach Küng, Kasper, habe ich ihn gefragt, nach seiner Lektüre auch. St. Georgen kenne ich nicht und frage ihn auch nicht genauer. „Ein Jesuitenhaus“ hatte er erklärt.
Ich frage ihn auch am nächsten Morgen nicht danach, als er dorthin zurückkehrt, ich weiterfliege.
Jetzt kenne ich St. Georgen. Im Sommer, im Winter, Tag und Nacht. Und jetzt weiß ich, wenn ich noch länger als drei Tage bleibe, werde ich vor Erschöpfung sterben. David macht, halbtot, noch zwei Umzüge, ein holländischer Freund will 150.- Euro schicken, unser guter Freund hundert, unser indischer Freund, von jeher großer Organisator, der aus seinem riesigen indischen Netzwerk Benötigtes herbeischaffen kann, beschafft einen großen und einen sehr kleinen Koffer. Wir fahren ab.

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